Nachname:
Kisker
Vorname:
Karl Peter
Epoche:
20. Jahrhundert
Arbeitsgebiet:
Neurologie
Psychiatrie
Sozialpsychiatrie
Geburtsort:
Mühlheim (DEU)
* 25.09.1926
† 27.11.1997
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Deutscher Psychiater mit phänomenologisch-anthropologischer Ausrichtung.

 

Karl Peter Kisker (1926-1997) wurde in Mülheim an der Ruhr geboren und wuchs in Dinslaken am Niederrhein auf. Mit 17 Jahren wurde er zur Wehrmacht eingezogen, erlitt aber eine Verwundung und verbrachte das Ende des zweiten Weltkrieges im Lazarett. 1945 holte er sein Abitur nach und begann ein Studium der Theologie in Heidelberg, bevor er zur Medizin und Psychologie wechselte. Er legte 1952 das medizinische Staatsexamen ab, promovierte bei Kurt Schneider (Zur Klinik der epileptischen Dämmerzustände) und arbeitete ab 1953 bei ihm als Assistenzarzt in der Heidelberger psychiatrischen Klinik. 1955 erhielt Kisker (1954) sein zweites, nun philosophisches Doktorat mit einer ophthalmologisch-physiologischen Studie. Er habilitierte sich 1959 (Erlebniswandel des Schizophrenen, 1960) und erhielt die Lehrbefugnis für die Fächer Neurologie und Psychiatrie. 1963 wurde er Oberarzt an der – inzwischen von Walter Ritter von Baeyer geleiteten – Heidelberger Universitätsklinik. 1966 wurde Kisker auf das neu eingerichtete psychiatrische Ordinariat an die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) berufen. Dort leitete er bis zu seiner Emeritierung 1991 die Abteilung für Klinische Psychiatrie und Psychotherapie. Karl Peter Kisker starb 1997 im Alter von 71 Jahren in Hannover.

 

Phänomenologisch-anthropologische Psychiatrie

Kisker vertrat spätestens in seiner Habilitationsschrift zum Erlebniswandel des Schizophrenen (1960) ein anthropologisch-phänomenologisches Grundverständnis. Auf der Basis von Kurt Lewins Feldtheorie ging es ihm um das „phänomenologische Vorverstehen des verrückten Daseins innerhalb des philosophischen und wissenschaftlichen Fragens“ (1960, S. 5). Kisker (1960, S. 114) versuchte, die Mitmenschlichkeit, Sinnhaftigkeit und situative Lebensbewältigung im schizophrenen Erleben herauszuarbeiten: „Ein großer Anteil der schizophrenen Positivsymptomatik und gewisse Eigentümlichkeiten des defektuosen Wesenswandels der Kranken ließen sich unter den Verstehensgesichtspunkt unerfüllt und in Richtung faktisch-mitmenschlicher Rücksichtnahmen ineffektiv bleibender Rückordnungsversuche bringen, welche – aus der Erlebnislage des Erkrankten heraus gedacht – ein Optimum an sinnvoller Durchgliederung der Innerlichkeit, ein seelisches Positivum also, repräsentieren.“ So sei auch eine den psychodynamischen Ansätzen „benachbarte“ Psychosenpsychotherapie möglich und notwendig. Darüber hinaus übersetzte Kisker (1967) verschiedene fremdsprachige Autoren; hervorzuheben ist Henri Eys (1963) aus dem Französischen übertragenes Werk Das Bewusstsein.

 

Praxisbezogene Beiträge

Zusammen mit Walter Ritter von Baeyer und Heinz Häfner publizierte Kisker 1964 eine vieldiskutierte Auseinandersetzung mit der Psychiatrie der Verfolgten. Seine Positionen zu Wiedergutmachungsanträgen nach posttraumatischen Folgezuständen bei Überlebenden der KZ-Lagerhaft führten in den achtziger Jahren zu einer Kontroverse mit Christian Pross (1988, S. 227), der Kisker vorwarf, „psychische Störungen von Zigeunern und Juden (…) häufig als anlagebedingte Störung“ von den Anträgen auszuklammern.

 

Allerdings forderte Kisker bereits sehr früh, Mitte der sechziger Jahre, zusammen mit Häfner und von Baeyer (1965) Dringliche Reformen in der psychiatrischen Krankenversorgung der Bundesrepublik samt einem gemeindepsychiatrischen Versorgungssystem. In den siebziger Jahren baute er mit Erich Wulff die sozialpsychiatrische Abteilung der Medizinischen Hochschule Hannover auf (Beyer 2014). Das „Hannoveraner Modell“ umfasste unter anderem die Sektorisierung der Versorgung und den Aufbau therapeutischer Gemeinschaften. Von der sogenannten Antipsychiatrie der sechziger und siebziger Jahre (Laing, Cooper, Basalgia, Szasz) grenzte Kisker (1979) sich scharf und teils polemisch ab.

 

Karl-Peter Kisker gehörte zu den wichtigsten Protagonisten einer phänomenologisch-anthropologischen Theorie und gemeindeorientierten Praxis in der frühen deutschen Sozialpsychiatrie. 1986 wurde er in die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina aufgenommen.

 

Literatur

Beyer, C. (2014): Ko-Existenz« im „Trainingslager“ – Karl Peter Kisker und die Frühphase der Hannoveraner Sozialpsychiatrie 1966-1972. In: Sozialpsychiatrische Informationen 44, (1), S. 28-32.

Emrich, H. (1998): In memoriam Karl-Peter Kisker. In: Der Nervenarzt 69, (11), S.1023-1024.

Ey, Henri (1963): La Conscience. Paris: Presses universitaires de France.

Häfner, H., W. v. Baeyer, K. P. Kisker (1965): Dringliche Reformen in der psychiatrischen Krankenversorgung der Bundesrepublik. In: Helfen und Heilen 2, (4), S. 1-8.

Hofer, G., K. P. Kisker (1976): Die Sprache des Anderen. Basel, München, New York, Paris, Sydney: Karger.

Kisker, K. (1952): Zur Klinik der epileptischen Dämmerzustände. Inaugural-Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Medizin der Medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg.

Kisker, K. (1954): Helligkeitsgefälle, Durchsichtigkeitserlebnisse und Bildverdopplungen in ihrem Zusammenhang mit dem Räumlichkeitsdruck beim unkorrigierten Sehen des Myopen. Inaugural-Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Philosophie der Medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg.

Kisker, K. P. (1957): Kants psychiatrische Systematik. In: Psychiatria et Neurologia 133, (1/2), S. 17-28.

Kisker, K. (1960): Der Erlebniswandel des Schizophrenen: Ein psychopathologischer Beitrag zur Psychonomie schizophrener Grundsituationen. Heidelberg: Springer.

Kisker, K., W. Baeyer, H. Häfner (1964, Hg.): Psychiatrie der Verfolgten. Psychopathologische und Gutachtliche Erfahrungen an Opfern der Nationalsozialistischen Verfolgung und Vergleichbarer Extrembelastungen. Heidelberg: Springer.

Kisker, K. (1967): Vorrede des Übersetzers. In: H. Ey: Das Bewusstsein. Berlin: De Gruyter, S. 11-26.

Kisker, K. (1970): Dialogik der Verrücktheit. Ein Versuch an den Grenzen der Anthropologie. Den Haag: Martinus Nijhoff.

Kisker, K. (1971): Medizin in der Kritik: Abgründe einer Krisen-Wissenschaft. Stuttgart: Enke.

Kisker, K., H. Lauter, J. E. Meyer, C. Müller, E. Strömgren (1972, Hg.): Psychiatrie der Gegenwart. Berlin: Springer.

Kisker, K. (1975): Mediziner in der Kritik: Allmacht und Ohnmacht einer Heils-Wissenschaft. Stuttgart: Enke.

Kisker, K. (1976): Mit den Augen eines Psychiaters. Stuttgart: Enke.

Kisker, K. P. (1979): Antipsychiatrie. In K. P. Kisker, J. E. Meyer, M. Müller, E. Strömgren (Hg.): Psychiatrie der Gegenwart. Forschung und Praxis (Bd. 1/1). Berlin, Heidelberg, New York: Springer, S. 811-825.

Kisker K. (1979a): Die Heidelberger Psychopathologie in der Kritik. In: W. Janzarik (Hg.): Psychopathologie als Grundlagenwissenschaft. Stuttgart: Enke, S. 122-136.

Kisker, K., H. Freyberger, H.-K. Rose, E. Wulff (1991, Hg.): Psychiatrie, Psychosomatik, Psychotherapie. Stuttgart: Thieme.

Kisker, K., H. Bischof (1997, Hg.): Koblenzer Handbuch des Entschädigungsrechtes. Baden-Baden: Nomos.

Machleidt, T, T. Passie, D. Spazier (2007, Hg.): PsychiaterSein. Karl Peter Kisker – Auswahl seiner Schriften. Bonn: Psychiatrie-Verlag.

Pross, C. (1988): Wiedergutmachung. Der Kleinkrieg gegen die Opfer. Frankfurt am Main: Athenäum.

 

Julian Schwarz

 

Zitierweise
Julian Schwarz (2015): Kisker, Karl Peter.
In: Biographisches Archiv der Psychiatrie.
URL: www.biapsy.de/index.php/de/9-biographien-a-z/103-kisker-karl-peter
(Stand vom:24.05.2017)