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Historische Berufsbiographik der deutschsprachigen Psychiatrie

 

Burkhart Brückner

 

Das Feld der Heilberufe ist seit jeher gut mit Biographien ausgestattet. Die Tradition der Ärztebiographik manifestiert sich in zahlreichen Sammelbänden und Aufsätzen, im internationalen Journal of Medical Biography oder in populärwissenschaftlichen Darstellungen. Wissenschaftsgeschichte wird an handelnden Personen fest gemacht. Für die therapeutische Praxis ist der Begriff der „Person“ zentral, sowohl für die Wahrnehmung der Patienten als auch für die Ausbildung von therapeutisch wirksamen „Persönlichkeiten“. Gerade in der Klinik sind die Begegnung und soziale Unterstützung, das Gespräch und kongruente Handeln ausschlaggebend. Viele Professionelle haben auf dieser ethischen Folie ihre Selbstbiographien erzählt (vgl. z.B. in Schneider 2012; Wilkinson 1993; Pongratz 1977; vgl. Dörner 2001). Allerdings geht auch das Konzept des „Burn-out“ auf das psychosoziale Berufsfeld zurück (Freudenberger 1974) und häufig wird die Praxis nur vom Nutzen für Patienten abgeleitet, die Behandelnden selbst kommen – außer in der Psychoanalyse und Supervision – kaum als Subjekte mit eigenen Bedürfnissen, Erwartungen und Lebensgeschichten vor (Dreier 1987).

 

Die Geschichte der Psychiatrie ist auch eine Geschichte ihrer gestaltenden Persönlichkeiten und Ideen, allerdings haben Vertreter der Struktur- und Sozialgeschichtsschreibung schon vor Jahrzehnten gegen individualistische Überhöhungen argumentiert (Depkat 2011; Hähner 1999). Kurt Kolles (1956/63) Sammlung Große Nervenärzte dürfte ein einschlägiges Beispiel für die Tradition der Individualbiographik sein. So entstanden während der Konjunktur der Berufssoziologie in den siebziger und achtziger Jahren einflussreiche und kritische Arbeiten über die Berufspraxis im Anstaltsalltag (Zaumseil & Keupp 1978; Fengler & Fengler 1984; vgl. Goffman 1961). Sofern die Akteure jedoch als Agenten institutioneller Systeme galten (z.B. als Vermittler von Labelingprozessen), blieb ihre Subjektivität ebenfalls ausgeblendet. Alma Kreuter (1996), die Verfasserin der umfangreichsten neueren biographisch-bibliographischen Sammlung zur Psychiatriegeschichte, hatte dann in den neunziger Jahren laut Hippius und Hoff (1996, vii) angeregt, auch die 'Unberücksichtigten' bis hin zu den - wie sie selbst manchmal in freundlich-ironischer Abgrenzung von den in Kurt Kolles 'Großen Nervenärzten' dargestellten Leitfiguren des Fachs formuliert - 'kleinen Nervenärzten' biographische und bibliographische Materialien zu sammeln."

 

Eine biographische Wende" durch sozialwissenschaftliche Studien, die sich auf hermeneutische und qualitative Methoden stützen, wurde zu Beginn des 21. Jahrhunderts auch für das Gebiet der Gesundheitsberufe diskutiert (Rickard 2004, Honegger, Liebig, & Wecker 2003, Chamberlayne, Bornat & Wengraf 2000). Die Verbindung der traditionellen Berufssoziologie mit der Biographieforschung, ebenso wie mit der Alltags- und Gendergeschichte, ist vielfach in gegenwartsbezogenen Einzelstudien aufgegriffen worden (z.B. Milligana, Kearnsb & Kylec 2011; Ostermann-Vogt 2011; Witte 2010; generell: Pundt 2012; Alheit & Dausien 2009; Fabel & Tiefel 2004; Kraul, Marotzki & Schweppe 2002; Combe & Helsper 1996).

 

Aus historischer Perspektive hat Theo Payk (2000) eine umfassende Professionsgeschichte der Psychiatrie erarbeitet. Allerdings sind methodisch befriedigende Studien selten (etwa Lohff & Kintrup 2013; Schuster 2010; Bewley 2008; Hess 2008; Germann 2003; Bucholz 1999; Berrios & Freeman 1991). Mit Schwerpunkt auf dem frühen 20. Jahrhundert ist Eric Engstroms (2003) richtungsweisende Studie Clinical Psychiatry in Imperial Germany zu nennen. Nach wie vor existieren Darstellungen in der Tradition der (weiter entwickelten) Individualbiographik (Hippius, Schliack & Holdorff 2006; Hippius & Schliack 1998). Andere Projekte beziehen sich auch in ihren biographischen Teilen auf strukturgeschichtliche Ansätze und berücksichtigen die soziale – und mitunter  ideologische – Prägung der Persönlichkeit. Die Aufarbeitung der Geschichte der größten deutschsprachigen Fachgesellschaft (DGPPN) im Nationalsozialismus belegt etwa die dramatische Problematik professioneller Karrieren in der deutschen Psychiatrie der dreißiger und vierziger Jahre gerade im Zusammenhang mit berufsbezogenen Geltungsmotiven (Schmuhl 2013; Roelcke 2013; vgl. Lockot 1994; Geuter 1988).

 

Eine partizipativ angelegte historische Berufsbiographik der Psychiatrie kann also an stabile Traditionen anschließen. Durch einen tragfähigen Begriff des biographischen Subjekts öffnet sie sich gegenüber der Berufssoziologie und kann Strömungen aus den Kulturwissenschaften (Medical Humanities") und der Sozialforschung (Brückner 2007a), der Patientengeschichte oder der „disability history“ (Bösl 2010) einbinden. Sie schöpft aus eigenständigen Ressourcen und thematisiert ebenso Fragen der Deprofessionaliserung und der Grenzen des Fachs sowie partizipative Modelle des Trialogs" und der Peer-Arbeit.

 

Das Biographische Archiv der Psychiatrie bezieht sich somit auf kultur- und sozialgeschichtliche Grundlagen, ein multiprofessionelles und kritisches Verständnis des Fachs sowie den patientengeschichtlichen Schwerpunkt. Berücksichtigt werden auch transdisziplinäre Impulse von Historikern, Soziologen, Journalisten, Politikern oder der Verwaltung. Die konkrete Arbeit hängt stets von den Blickwinkeln unserer Autoren ab, sei es mit werkgeschichtlicher, sozialhistorischer oder ideengeschichtlicher Perspektive oder mit der Aufmerksamkeit für klinische Arbeiten, die Forschung und gesundheitspolitische Einstellungen.

 

Literatur

Alheit, P., B. Dausien (2009): Biographie in den Sozialwissenschaften. Anmerkungen zu historischen und aktuellen Problemen einer Forschungsperspektive. In: B. Fetz (Hg.): Die Biographie. Zur Grundlegung ihrer Theorie. Berlin, New York: De Gruyter, S. 285-315.

Berrios, G.-E., H.-L. Freeman: 150 Years of British Psychiatry. London: RCPsych.

Bösl, E., A. Klein, A. Waldschmidt (2010): Disability History. Konstruktionen von Behinderung in der Geschichte. Bielefeld: transcript.

Bewley, T. (2008): Madness to Mental Illness. A History of the Royal College of Psychiatrists. London: RCPsych.

Brink, C. (2010): Grenzen der Anstalt. Psychiatrie und Gesellschaft in Deutschland 1860 - 1980. Göttingen: Wallstein.

Brückner, B. (2015): Geschichte der Psychiatrie. 2. Aufl. Köln: Psychiatrie Verlag.

Brückner, B. (2007): Delirium und  Wahn. Geschichte, Selbstzeugnisse und Theorien von der Antike bis 1900. 2 Bde. Hürtgenwald: Guido Pressler.

Brückner, B. (2007a): Perspektiventriangulation als qualitativ-methodisches Prinzip in der psychiatriehistorischen Autobiographieforschung. In: K.-S. Rehberg (Hg.): Die Natur der Gesellschaft. Verhandlungsband des 33. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Frankfurt am Main: Campus, S. 1602-1610.

Buchholz, M.-B. (1999): Psychotherapie als Profession. Gießen: Psychosozial-Verlag.

Chamberlayne, P, J. Bornat, T. Wengraf (2000, Hg.): The Turn to Biographical Methods in Social Science. London: Routledge.

Combe, A., W. Helsper (1996, Hg.): Pädagogische Professionalität. Untersuchungen zum Typus pädagogischen Handelns. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 70-182.

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Dörner, K. (2001): Der gute Arzt. Lehrbuch der ärztlichen Grundhaltung. Stuttgart, New York: Schattauer.

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Fengler, C., T. Fengler (1984): Alltag in der Anstalt. Wenn Sozialpsychiatrie praktisch wird. Rehburg-Loccum: Psychiatrie Verlag.

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Hippius, H., P. Hoff: Geleitwort (1996). In: A. Kreuter (1996): Deutschsprachige Neurologen und Psychiater. Ein biographisch-bibliographisches Lexikon von den Vorläufern bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. 3 Bde. München, New Providence, London, Paris: Saur, S. vii-viii.

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Huerkamp, C. (1985): Der Aufstieg der Ärzte im 19. Jahrhundert. Vom gelehrten Stand zum professionellen Experten. Das Beispiel Preußens. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

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Kraul, M., W . Marotzki, C. Schweppe (2002): Biographie und Profession. Bad Heilbrunn: Klinkhardt.

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Lockot, R. (1994): Die Reinigung der Psychoanalyse. Die Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft im Spiegel von Dokumenten und Zeitzeugen (1933-1951). Tübingen: edition diskord.

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Milligana, C., R. Kearnsb, R. G. Kylec (2011): Unpacking stored and storied knowledge. Elicited biographies of activism in mental health. In: Health & Place 17, (1), S. 7-16.

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Schmuhl, H.-W. (2013): Psychiatrie und Politik. Die Gesellschaft Deutscher Neurologen und Psychiater im Nationalsozialismus. In: C. Wolters, C. Beyer, B. Lohff (Hg.): Abweichung und Normalität. Psychiatrie in Deutschland vom Kaiserrreich bis zur Deutschen Einheit. Bielefeld: transcript, S. 137-157.

Schuster, B.-M. (2010): Auf dem Weg zur Fachsprache. Sprachliche Professionalisierung in der psychiatrischen Schreibpraxis 1800-1939. Berlin, New York: de Gruyter.

Wilkinson, G. (1993): Talking About Psychiatry. London: Gaskell.

Witte, N. (2010): Ärztliches Handeln im Praxisalltag. Eine interaktions- und biographieanalytische Studie. Frankfurt am Main, New York: Campus.

Zaumseil, M., H. Keupp (1978): Die gesellschaftliche Organisierung psychischen Leidens. Frankfurt am Main: Suhrkamp.