Blankenburg, Wolfgang
Nachname:
Blankenburg
Vorname:
Wolfgang
Epoche:
20. Jahrhundert
Arbeitsgebiet:
Psychiatrie
Anthropologische Psychiatrie
Psychotherapie
Philosophie
Geburtsort:
Bremen (DEU)
* 01.05.1928
† 16.10.2002
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Phänomenologisch-anthropologisch orientierter Psychiater.

 

Lebensweg

Wolfgang Blankenburgs (1928-2002) akademische Laufbahn begann 1947 mit dem Studium der Philosophie und Psychologie in Freiburg. Dort hörte er u.a. Martin Heidegger, Eugen Fink, Wilhelm Szilasi und Robert Heiß. Ab 1950 folgte ein Studium der Medizin, das er 1958 mit der Dissertation Daseinsanalytische Studie über einen Fall paranoider Schizophrenie abschloss. Während seines Studiums traf Blankenburg seine zukünftige Frau, Ute Hägele, mit der er drei Kinder hatte.

 

Seine praktische Tätigkeit begann Blankenburg 1957 als Assistenzarzt in einer Klinik für Innere Medizin bei Helmut Plügge in Heidelberg. Dem schlossen sich 1959 weitere Jahre als Assistent in der psychiatrischen Nervenklinik der Universität Freiburg bei Hans Ruffin an. Diese Klinik bot als eine der ersten Häuser in Deutschland eine tiefenpsychologisch und anthropologisch orientierte Psychotherapie und Psychosomatik an. 1963 wurde Blankenburg Oberarzt, 1968 habilitierte er sich an selbiger Klinik. 1969 wechselte er an die psychiatrische Universitätsklinik in Heidelberg. Nachdem Walter von Baeyer, Ordinarius der Heidelberger Klinik, emeritiert wurde, übernahm Blankenburg von 1972 bis 1973 die kommissarische Direktion und wurde Leiter der Fachgruppe Psychiatrie und Psychosomatik. 1975 wurde er Direktor der Psychiatrischen Klinik I in Bremen. Nach ungefähr dreijähriger Tätigkeit folgte er 1979 einem Ruf auf den Lehrstuhl für Psychiatrie an der Universitätsklinik Marburg. Bis zu seiner Emeritierung im Oktober 1993 blieb er dort Ordinarius und Leiter der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Danach arbeitete er in einer privaten psychotherapeutischen Praxis sowie in der Weiterbildung und Supervision. Bis zu seinem Tod nahm er regelmäßig an psychiatrisch-philosophischen Arbeitskreisen und Tagungen teil. Er verstarb am 16. Oktober 2002 auf dem Weg nach Heidelberg.

 

Theoretische Beiträge

Blankenburgs wissenschaftliche Tätigkeit ist vor dem Hintergrund der späten anthropologisch geprägten Psychiatrie, der beginnenden Reformpsychiatrie und der psychopharmakologisch fundierten biologischen Psychiatrie zu sehen. Dabei operierte er mit phänomenologisch-daseinsanalytischen Ansätzen nach Husserl und Heidegger. Für klinische Studien bevorzugte er das Konzept der Einzelfallanalyse. Im Unterschied zu früheren Theoretikern der phänomenologischen Psychiatrie (E. Minkowski, L. Binswanger, E. Straus, V. Gebsattel) war  Blankenburg insbesondere an der Umsetzung der Phänomenologie in die verstehende psychotherapeutische Praxis interessiert. Neben zwei Monographien umfasst sein Werk u.a. Arbeiten zum Verhältnis von Philosophie und Psychiatrie, dem Leib-Seele-Problem, zur dialektischen Betrachtungsweise in der Psychiatrie, zur Psychopathologie der Freiheit und der Psychopathologie des „Common Sense“.

 

Das Hauptwerk: Der Verlust der natürlichen Selbstverständlichkeit

Sein Hauptwerk, die Habilitationsschrift Der Verlust der natürlichen Selbstverständlichkeit (1971) stellte laut dem Untertitel einen Beitrag zur Psychopathologie symptomarmer Schizophrenien dar. Übersetzungen in zahlreiche Sprachen - darunter Japanisch, Französisch, Italienisch – belegen die internationale Rezeption. Bereits im Vorwort merkte Blankenburg an, dass die bisherige phänomenologisch-daseinsanalytische Forschung ihren Fokus auf vorwiegend produktiv-paranoide Psychosen und die Interpretation von deren Kernsymptomen gelegt habe. Basale schizophrene Wesensabwandlungen, wie sie z.B. bei der “Schizophrenia simplex” oder den “blanden Hebephrenien” zum Ausdruck kämen, seien vernachlässigt worden. Ähnlich wie in seiner Dissertation versuchte Blankenburg, diese basalen Veränderungen symptomarmer Schizophrenien anhand einer Einzelfallstudie sichtbar zu machen. Er arbeitete mit einem Begriff der Grundstörung, der nicht ätiologisch gemeint war, sondern als „Freilegung dessen, was bei Schizophrenen im Grunde ihres Menschseins 'gestört'“ verstanden werden sollte (Blankenburg 1971, S. 15).

 

Das Studienmaterial stammte aus therapeutischen Gesprächen, die er zum Teil selbst mit seiner – als „hebephren“ diagnostizierten – Patientin Anna Rau führte. Die Studie basiert nicht zuletzt auf ihrer ungewöhnlichen Fähigkeit, die Abwandlung ihres „In-der-Welt-Seins“ äußerst präzise umschreiben zu können. Zur Interpretation griff Blankenburg auf ein umfangreiches Repertoire bereits bestehender Schriften zur Beziehung zwischen Psychopathologie und Phänomenologie zurück. Von zentraler Bedeutung sei die Verortung der basalen Wesensveränderung im „Verlust der natürlichen Selbstverständlichkeit“. Diese, dem genauen Wortlaut der Patientin Anna Rau entstammende Beschreibung, würde auf die elementare Unfähigkeit der Patientin zurückweisen, sich auf selbstverständliche Dinge zu verständigen. Anders gesagt, habe Anna Rau einen Mangel an „Feingefühl“ bzw. einer natürlichen Sicherheit im Umgang mit dem Anderen beschrieben, was Blankenburg auch als einen Mangel an „gesundem Menschenverstand“ (“common sense”) deutete.

 

Blankenburg gilt als einer der bedeutendsten Vertreter der späten phänomenologischen Psychopathologie in Deutschland. Seine Ansätze werden in der neueren phänomenologischen Forschung über psychotische Selbststörungen aufgegriffen und weiterentwickelt (Mishara 2001; Wulff 2007; Summa 2012).

 

 

Literatur

Blankenburg, W. (1958): Daseinsanalytische Studie über einen Fall paranoider Schizophrenie – Ein Beitrag zur Dokumentation schizophrener Endzustände. In: Schweizer Archiv für Neurologie und Psychiatrie 81, (9), S. 9-105.

Blankenburg, W. (1965): Die Verselbständigung eines Themas zum Wahn. In: Jahrbuch für Psychologie, Psychotherapie und Medizinische Anthropologie 13, S. 137-164.

Blankenburg, W. (1971): Der Verlust der natürlichen Selbstverständlichkeit – Ein Beitrag zur Psychopathologie symptomarmer Schizophrenien. Stuttgart: Enke.

Blankenburg, W. (1981): Wie weit reicht die dialektische Betrachtungsweise in der Psychiatrie? In: Zeitschrift für Klinische Psychologie und Psychotherapie 29, (1), S. 45-66.

Blankenburg, W. (1981): Körper und Leib in der Psychiatrie. In: Schweizer Archiv für Neurologie, Neurochirurgie und Psychiatrie 131, (1), S. 13-39.

Blankenburg, W. (1989): Lebensgeschichte und Krankengeschichte. In: W. Blankenburg (Hg.): Biographie und Krankheit – Sammlung psychiatrischer und neurologischer Einzeldarstellungen. Stuttgart: Thieme, S. 1-10

Blankenburg, W. (1989): Phänomenologie der Leiblichkeit als Grundlage für ein Verständnis der Leiberfahrung psychisch Kranker. In: Daseinsanalyse 6, (3), S. 161-193.

Blankenburg, W. (1990): Wirkfaktoren paradoxen Vorgehens in der Psychotherapie. In: H. Lang (Hg.): Wirkfaktoren in der Psychotherapie. Berlin: Springer, S. 122-138.

Blankenburg, W. (1991, Hg.): Wahn und Perspektivität. Störungen im Realitätsbezug des Menschen und ihre Therapie. Stuttgart: Enke.

Blankenburg, W. (1996): Vitale und existentielle Angst. In: H. Lang, H. Faller (Hg.): Das Phänomen Angst. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 43-73.

Blankenburg, W. (1999): Zur Psychopathologie und Therapie des Wahns unter besonderer Berücksichtigung des Realitätsbezugs. In: P. Hartwich, B. Pflug (Hg.): Schizophrenien – Wege der Behandlung. Sternfels: Verlag Wissenschaft und Praxis, S. 59-94.

Kraus, A. (2003): Wolfgang Blankenburg (1928 bis 2002). In: Der Nervenarzt 74, (10), S. 1030-1031.

Mishara, A. (2001): On Wolfgang Blankenburg, Common Sense, and Schizophrenia. In: Philosophy, Psychiatry & Psychology 8, (4), S. 317-322.

Summa, M. (2012): Is This Self-Evident? The Phenomenological Method and the Psychopathology of Common Sense. In: Rivista internazionale di filosofia e psicologia 3, (2), 191-207.

Thoma, S. (2013): Buchbesprechung: Der Verlust der natürlichen Selbstverständlichkeit - Ein Beitrag zur Psychopathologie symptomarmer Schizophrenien. In: Sozialpsychiatrische Informationen 43, (3), S. 51-52.

Wulff, E. (2007): Blankenburgs daseinsanalytische Studien. In: Sozialpsychiatrische Informationen 37 (4), S. 11-15.                                      

Julian Schwarz

 

Foto: Privatbesitz, Copyright.

 

Zitierweise
Julian Schwarz (2015): Blankenburg, Wolfgang .
In: Biographisches Archiv der Psychiatrie.
URL: www.biapsy.de/index.php/de/9-biographien-a-z/20-blankenburg-wolfgang
(Stand vom:16.12.2018)