Damerow, Heinrich Philipp August
Nachname:
Damerow
Vorname:
Heinrich Philipp August
Epoche:
19. Jahrhundert
Arbeitsgebiet:
Anthropologische Psychiatrie
Politik
Verwaltung
Geburtsort:
Stettin (DEU)
* 28.12.1798
† 22.09.1866
Biographie drucken

Direktor der Irrenanstalt Halle-Nietleben, bedeutender deutscher Psychiater im 19. Jahrhundert.

 

Heinrich Damerow (1798-1866) kam am 28. Dezember 1798 als jüngster Sohn

eines Geistlichen des Johannisklosters in Stettin zur Welt. Er wuchs bei seiner Mutter Henriette, geb. Willett, im „Predigerwitwenhaus“ in Stettin auf, da sein Vater früh verstarb. Schon als Kind kam Damerow mit Patienten in Berührung, da diese im benachbarten Stettiner Johanniskloster betreut wurden. In seiner frühen Kindheit wurde er zunächst von seinen Eltern unterrichtet, bis er anschließend das Stettiner Gymnasium besuchte (Marneros & Pillmann 2005; Haack & Kumbier 2003; Kirchhoff 1921, S. 165).

 

Schulischer und beruflicher Werdegang

1815 unterbrach Damerow seine schulische Ausbildung, um als Freiwilliger im preußischen Regiment Colberg in den Koalitionskriegen gegen Napoleon zu kämpfen. Nach sieben Monaten wurde der Siebzehnjährige aus dem Heer entlassen und kehrte an das Gymnasium zurück. Neben dem Studium der Medizin in Berlin ab 1817 besuchte er zusätzlich Vorlesungen der Anthropologie, Psychologie, Philosophie, Dialektik, Geschichte und Psychiatrie (Marneros & Pillmann 2005, S. 75). Im Mai 1821 promovierte er in Berlin mit der Dissertation Quomodo et quando medicinae theoria vera, die als Beitrag zur Entwicklung der psychischen Medizin gedacht war. Ab Juni 1821 reiste Damerow für seine berufliche Orientierung durch Deutschland und nach Paris. Nach der Rückkehr im Oktober 1822 befasste er sich in Berlin weiter mit der Geschichte der Medizin und der Philosophie, holte 1826 sein Staatsexamen nach und habilitierte sich im August des folgenden Jahres (Kreuter 1996, S. 242). Von 1828 bis 1830 las er an der Berliner Universität als einer der ersten Privatdozenten für Psychiatrie auch über „Seelenkrankheiten“ (Jaeger 1995, S. 268).

 

Ärztliche und administrative Tätigkeiten

1827 erschien Damerows erstes Buch unter dem Titel Die Elemente der nächsten Zukunft der Medicin. Entwickelt aus der Vergangenheit und Gegenwart. In Anlehnung an Schelling und Hegel untersuchte er den wissenschaftstheoretischen Zusammenhang zwischen Medizin, Psychologie und Physiologie aus naturphilosophischer Perspektive. Der preußische Kultusminister von Altenstein wurde auf ihn aufmerksam und ernannte ihn 1830 zum außerordentlichen Professor in Greifswald. Nun in gesicherter Stellung, heiratete Damerow, blieb aber nicht lange in Greifswald, sondern reiste nach Siegburg, um Maximilian Jacobis (1775-1858) dortige Reformanstalt kennen zu lernen, deren Aufbau auch schon durch von Altenstein gefördert worden war. Zwei Jahre später, im Herbst 1832, kam Damerow nach Berlin an die Charité zurück. Nach dreijähriger klinischer Tätigkeit wurde er 1835 zum Direktor des Königlich Provisorischen Irrenheil-Instituts in Halle ernannt (Kreuter 1996,S. 242). 1839 wechselte er als Beauftragter des Ministeriums für Fragen des Irrenwesens wieder nach Berlin, aber nach weiteren drei Jahren wieder zurück nach Halle (Marneros & Pillmann 2005). Am 1. November 1844 eröffnete Damerow die neuerbaute Irren-, Heil- und Pflegeanstalt in Halle-Nietleben, die er zeitlebens leitete. Er bildete unter anderem Heinrich Laehr (1820-1905) und Rudolf Leubuscher (1822-1861) aus.

 

Im Februar 1851 wurde der Unteroffizier Maximilian Joseph Sefeloge (1821-1859) in Halle-Nietleben ohne Gerichtsverhandlung untergebracht. Er hatte im Jahr zuvor ein Attentat auf den preußischen König Friedrich Wilhelm IV. verübt. Als behandelnder Arzt publizierte Damerow (1853, S. 167 ff.) eine umfangreiche Fallstudie, in der er – in Auseinandersetzung mit der französischen Monomanielehre – bei Sefeloge eine „Seelenkrankheit“ sowie dessen „Gemeingefährlichkeit“ und „bedingte Zurechnungsfähigkeit“ feststellte und für eine lebenslange Unterbringung plädierte. Sefeloge starb sechs Jahre später in der Anstalt. Der Fall förderte nachhaltig die Debatten über die forensische Kompetenz von Psychiatern (vgl. dazu Haack 2011).

 

Anstaltsreform und Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie

Damerow setzte sich für das Prinzip der „relativ verbundenen Heil- und Pflegeanstalt“ ein, mit dem die früher übliche örtliche Spaltung der Anstaltsbereiche vermieden werden sollte. In seiner „staatsarzneiwissenschaftlichen Abhandlung“ Ueber die relative Verbindung der Irren- Heil- und Pflegeanstalten von 1840 erklärte Damerow programmatisch (S. V f.), das Buch sei auch im Sinne der „moralischen Verhältnisse der Irrenärzte, Irrenanstalten und des Staats im Allgemeinen gedacht und durch eigene Beobachtungen und Erfahrungen die, selbst von der Masse der Gebildeten noch verkannte, Wahrheit: dass die meisten Seelenkranken auch in moralischer Beziehung Menschen sind und als solche sieb fühlen und wissen, bezeugt und dadurch der sittlichen Grundlage für angemessene Behandlung der Irren, zumal der, lange genug gegen die Heilbaren so arg zurückgesetzten, präsumtiv Unheilbaren in den Pflegeanstalten, allgemeinere Geltung zu verschaffen gesucht.“

 

1844 erschien die erste Ausgabe der Allgemeinen Zeitschrift für Psychiatrie und psychisch-gerichtliche Medicin, die Damerow zusammen mit Carl Friedrich Flemming (1799-1880) und Christian Friedrich Wilhelm Roller (1773-1814) nach dem Vorbild der französischen Annales Médico-Psychologiques gegründet hatte. Damit wurde Damerow Mitte des 19. Jahrhunderts zu einem der maßgeblichen Anstaltspsychiater in Deutschland. Gegenüber materialistisch-somatischen Konzepten in der Psychiatrie stärkte er philosophische, psychologische und anthropologische Ansätze. Nach dreizehn Jahren übergab er die Hauptredaktion der Zeitschrift an Heinrich Laehr. Nachdem die europäische Cholera-Epidemie von 1866 im September auch die Anstalt in Halle erreichte, starb Heinrich Damerow an den Folgen einer Infektion im Alter von 68 Jahren.

 

Literatur

Berghof, W. (1990): Heinrich Damerow (1798-1866). Ein bedeutender Vertreter der deutschen Psychiatrie des 19. Jahrhunderts. Inauguraldissertation, Medizinische Fakultät. Leipzig: Karl-Max-Universität Leipzig.

Braun, S. (2009): Heilung mit Defekt. Psychiatrische Praxis an den Anstalten Hofheim und Siegburg 1820-1878. Göttingen: Vandenhoek & Ruprecht.

Damerow, H. (1829): Die Elemente der nächsten Zukunft der Medicin. Entwickelt aus der Vergangenheit und Gegenwart. Berlin: Reimer.

Damerow, H. (1833): Über Irrepflegeanstalten. In: Medizinische Zeitung Berlin 2, S. 217-220.

Damerow, H. (1834): Über den Cretinismus in anthropologischer Hinsicht. In: Medizinische Zeitung Berlin 3, S. 39 und 43.

Damerow, H. (1834a): Paracelsus über psychische Krankheiten. Berlin: Enslin.

Damerow, H. (1839): Die Irrenanstalten als Bildungsmittel für junge Ärzte in der praktischen Psychiatrie. In: Medizinische Zeitung Berlin 8, S. 47, 53 u. 61.

Damerow, H. (1840): Ueber die relative Verbindung der Irren- Heil- und Pflegeanstalten. In historisch-kritischer so wie in moralischer, wissenschaftlicher und administrativer Beziehung. Eine staatsarzneiwissenschaftliche Abhandlung. Leipzig: Wigand.

Damerow, H. (1850): Zur Kritik des politischen und religiösen Wahnsinns aus dem Irrenhause bei Halle. In: Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie und psychisch-gerichtliche Medicin 7, (3), S.1-56.

Damerow, H. (1853): Sefeloge. Eine Wahnsinns-Studie. Halle: Pfeffer.

Damerow, H. (1854): Zur Monomanie-Frage bei den Franzosen. In: Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie und psychisch-gerichtliche Medicin 11, (2), S. 268-297.

Damerow, H. (1858): Zur Cretinen- und Idioten-Frage. In: Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie und psychisch-gerichtliche Medicin 15, (4/5) S. 499-545.

Damerow, H. (1863): Irren-Gesetze und Verordnungen in Preussen. (Suppl. Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie und psychisch-gerichtliche Medicin, Bd. 20). Berlin: Hirschwald.

Euler, H. H., W. Glatzel (1958): Die Psychiatrie an der Universität Halle. In: Wissenschaftliche Zeitschrift der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg 7, (2), S.197-218.

Haack, K. (2011): Der Fall Sefeloge - Zur Geschichte, Entstehung und Etablierung der forensischen Psychiatrie. Würzburg: Königshausen & Neumann.

Haack, K., E. Kumbier (2003): Heinrich Damerow (1798–1866). In: Der Nervenarzt 74, (9), S. 809-811.

Harms, E. (1959): Heinrich Damerows Interpretation der psychiatrischen Ideen des Theophrastus Paracelsus. In: Schweizerische Zeitschrift der Psychologie 18, S. 92-103.

Jaeger, S. (1995): Psychologierelevante Lehrende an der Berliner Universität im 19. Jahrhundert. In: Psychologie und Geschichte 6, (3/4), S.258-289.

Kirchhoff, T. (1921): Deutsche Irrenärzte. Bd.1. Berlin: Springer.

Kreuter, A. (1996): Deutschsprachige Neurologen und Psychiater. Ein biographisches Lexikon von den Vorläufern bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Band 1. München: K. G. Saur.

Laehr, H. (1898): Kurzer Gedenkartikel anlässlich des 100. Geburtstages. In: Allgemeine Zeitung Psychiatrie 55, S. 850-851.

Laehr, H. (1921): Heinrich Philipp August Damerow. 1798-1866. In: T. Kirchhoff: Deutsche Irrenärzte. Einzelbilder ihres Lebens und Wirkens. Bd. 1. Berlin: Springer, S. 165-175.

Marneros, A., F. Pillmann (2005): Das Wort Psychiatrie… wurde in Halle geboren. Von den Anfängen der deutschen Psychiatrie. Stuttgart: Schattauer.

Weidner, T. (2012): Die unpolitische Profession. Deutsche Mediziner im langen 19. Jahrhundert. Frankfurt: Campus Verlag.

 

Jessica Thönnissen, Ansgar Fabri, Burkhart Brückner

 

Abb. aus: T. Kirchhoff (1921), S. 167, [public domain].

Zitierweise
Ansgar Fabri (2015): Damerow, Heinrich Philipp August.
In: Biographisches Archiv der Psychiatrie.
URL: www.biapsy.de/index.php/de/9-biographien-a-z/135-damerow-heinrich-philipp-august
(Stand vom:19.12.2018)