Laehr, Bernhard Heinrich
Nachname:
Laehr
Vorname:
Bernhard Heinrich
Epoche:
19. Jahrhundert
20. Jahrhundert
Arbeitsgebiet:
Medizin
Psychiatrie
Medizingeschichte
Geburtsort:
Sagan (DEU)
* 10.03.1820
† 18.08.1905
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Deutscher Psychiater des 19. Jahrhunderts und Psychiatriehistoriker.

 

Heinrich Laehr (1820-1905) wurde in Sagan in der Provinz Schlesien in eine Färberfamilie geboren. Ab 1839 studierte er Medizin in Berlin, wechselte 1841 nach Halle, hörte dort unter anderem Peter Krukenberg, arbeitete an den Franckeschen Stiftungen und promovierte 1843 mit einer gynäkologischen Dissertation. Hoffmann-Axthelm (1968, S. 157) berichtete, Laehr sei durch eine „Geisteskrankheit“ seines zwei Jahre älteren Bruders motiviert worden, Psychiater zu werden. Von 1848 bis 1852 arbeitete Laehr an der Halleschen Provinzial-Irrenanstalt bei Heinrich Damerow, dort wurde er 1850 zweiter Arzt (Sammet 2000, S. 175 f.).

 

Konservativer Anstaltspsychiater

Nachdem Laehr (1853) erfolglos versucht hatte, den Berliner Magistrat zum Bau einer „relativ verbundenen Heil- und Pflegeanstalt“ zu bewegen, kaufte er 1854 ein Gehöft in Berlin-Zehlendorf und gründete die Privat-Heilanstalt „Asyl Schweizerhof“. Im selben Jahr heiratete er seine Frau Maria, das Paar hatte fünf Kinder, von denen drei Söhne ebenfalls Psychiater wurden (Hans, Georg, Max). Laehrs am Stadtrand gelegene Anstalt wurde sukzessive im Pavillon-Stil ausgebaut und nahm ab 1856 ausschließlich Frauen auf (Goerke 1967, S. 157). 1858 wurde Laehr Nachfolger von Heinrich Damerow als Hauptredakteuer des wichtigsten deutschsprachigen Fachorgans (Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie und psychisch-gerichtliche Medicin). In dieser Eigenschaft wurde er 1864 Vorstandsmitglied im neu gegründeten Deutschen Verein der Irrenärzte. Laehr avancierte in diesen Positionen zu einem Hauptprotagonisten in den Debatten der sechziger Jahre über die Professionalisierung und institutionelle Zukunft des Fachs in Deutschland. Wilhelm Griesinger, der Direktor der Psychiatrischen Klinik der Charité Berlin, hatte 1868 umfassende Reformen vorgeschlagen, insbesondere wohnortnahe „Stadtasyle“ für akute Fälle samt Hausbesuchen, Familienpflege und Behandlung ohne Zwangsmittel  („Non-restraint“). Laehr (1868, S. 6 ff.) reagierte umgehend – und zwar ablehnend. Er zweifelte an der nötigen Ruhe und Arbeit für die Patienten, an der Autorität der Ärzte und der Effektivität des „non-restraint-Systems“ (S. 38). Die Vorschläge seien insgesamt ein „Rückschritt“ (S. 88; vgl. Sammet 2000, S. 181 ff.). Die Debatte eskalierte fachöffentlich, Griesingers Ideen wurden nicht realisiert (vgl. Schmiedebach 2008; Brosius 1868).

 

Anstaltsstatistik und historische Bibliographik

Der Schweizerhof wurde 1886 um eine Abteilung für neurologische Störungen erweitert. 1890 wurde die Anstalt von Laehrs ältesten Sohn Hans weiter geführt und existierte nach dem ersten Weltkrieg unter anderer Trägerschaft noch bis 1922. Laehr publizierte in seinen letzten Lebensjahren historische und statistische Studien. Nach einigen Vorarbeiten (1861; 1875) erarbeitete er 1899 mit Max Lewald den umfassenden Überblick Die Heil- und Pflegeanstalten für Psychisch-Kranke des deutschen Sprachgebietes am 1. Januar 1898. Im Jahr 1900 erschien sein Opus magnum in drei Bänden (Die Literatur der Psychiatrie, Neurologie und Psychologie von 1459 – 1799), in dem er 16.396 Schriften von 8.565 Autoren bibliographisch listete und teils kommentierte. Obwohl rein deskriptiv, gab es seit den früheren Arbeiten von Johann Baptist Friedreich – und auch noch bis zu Alma Kreuters neuerem Werk Deutschsprachige Neurologen und Psychiater von 1996 – keine andere so umfassende Dokumentation der historischen Fachliteratur inklusive Dissertationen. 1903 übertrug Laehr 50.000 Reichsmark in die Heinrich Laehr-Stiftung zur Förderung wissenschaftlicher Arbeiten in der Psychiatrie. Er starb 1905 in Berlin nach einer Prostatageschwulstblutung im Alter von 85 Jahren.

 

Das Grabmonument von Marie und Heinrich Laehr im Schönower Park in Berlin-Zehlendorf wurde von Adele Paasch gestaltet und mit der Skulptur „schwermütige Frauen“ von Gottlieb Elster versehen.

 

Literatur

Brosius, C. M (1868): Ueber Irren-Anstalten und deren Weiter-Entwicklung in Deutschland von Griesinger, Archiv I, pag. 8. Analyse von Dr. Brosius. Heilbronn: Schell.

Friedreich, J.B. (1836): Historisch-kritische Darstellung der THeorien über das Wesen und den Sitz der psychischen Krankheiten. Leipzig: Wigand.

Griesinger, W. (1868): Ueber Irrenanstalten und deren Weiter-Entwicklung in Deutschland. In: Archiv für Psychiatrie und Nervenkrankheiten 1, (1), S. 8-43.

Heidbrink, W. (2012): Psychiatrie und Seelsorge im „Asyl Schweizerhof“. In: Teltower Heimatbote 23, (9), S. 2-8.

Hoffmann-Axthelm, W. (1968):  Bericht  über  die  Vorträge  am  16. 12 . 196 7 „Das Asyl Schweizerhof in Zehlendorf und sein Begründer" von Prof. Dr. med. Dr. h.c. Heinz Goerke und „Weibliche Krankenpflege in Berliner Lazaretten 1870/71" von Dr. med. Otto Winkelmann. In: Mitteilungen des Vereins für die Geschichte Berlins 64, (12), S. 157.

Kahle, E. (1982): Laehr, Heinrich. In: Neue Deutsche Biographie. Bd. 13. Berlin: Duncker & Humblot, S. 396 -397.

Kreuter, A. (1996): Deutschsprachige Neurologen und Psychiater von den Vorläufern bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. 3 Bde. München, New Providence, London, Paris: Saur.

Laehr, H. (1843): De mutationibus genitalium muliebrium brevi post conceptionem addita disquisitione anatomica virginis statim post coitum defunctae instituta. Dissertatio inauguralis anatom-physiologica. Halle: Ruff.

Laehr, B. H. (1852): Ueber Irrsein und Irrenanstalten. Für Aerzte und Laien. Halle: Pfeffer.

Laehr, H. (1853): Ueber die gegenwärtige Umgestaltung der hiesigen Irrenpflege : offenes Sendschreiben an den Magistrat und Gemeinderath von Berlin. Berlin: Moeser.

Laehr, H. (1868): Fortschritt? – Rückschritt! Reform-Ideen des Herrn Geh. Rathes Prof. Dr. Griesingerin Berlin auf dem Gebiete der Irrenheilkunde beleuchtet von Dr. Heinrich Laehr. Berlin: Oehmigke.

Laehr, H. (1875): Die Heil- und Pflegeanstalt für Psychisch-Kranke in Deutschland, der Schweiz und den benachbartem deutschen Ländern. Berlin: Georg Reimer.

Laehr, H. (1878): Asyl Schweizerhof, Privat- Heilanstalt für Psychisch-Kranke weiblichen Geschlechts. Chronik, Gebäude, Terrain. Berlin: Reimer.

Laehr,  H. (1862): Zusammenstellung der Irrenanstalten Deutschlands im Jahre 1861. Berlin: Hirschwald.

Laehr, H. (1882): Die Heil- und Pflegeanstalten für Psychisch-Kranke des deutschen Sprachgebietes. Berlin: Reimer.

Laehr, H. (1885): Gedenktage der Psychiatrie und ihrer Hülfsdisziplinen in allen Ländern. Berlin: Reimer.

Laehr, H. (1895): Die Literatur der Psychiatrie, Neurologie und Psychologie im XVIII. Jahrhundert. Berlin: Reimer.

Laehr, H., M. Lewald (1899): Die Heil- und Pflegeanstalten für Psychisch-Kranke des deutschen Sprachgebietes am 1. Januar 1898. Berlin: Reimer.

Laehr, B. H. (1900): Die Literatur der Psychiatrie, Neurologie und Psychologie. Von 1459 – 1799. 3 Bde. Berlin: Reimer.

Laehr, H., G. Laehr (1903): Schweizerhof. Fünfzig Jahre nach seiner Gründung. 17. Dezember 1853 bis 17. Dezember 1903. Berlin: Reimer.

Laehr, H. (1924): Bernhard Heinrich Laehr (1820-1905). In: T. Kirchoff (Hg.): Deutsche Irrenärzte. Bd. 2. Berlin: Springer, S. 18-29.

Langer, K. (1966): Heinrich Laehr und das Asyl Schweizerhof in Zehlendorf bei Berlin.

Sammet, K. (2000). „Ueber Irrenanstalten und deren Weiterentwicklung in Deutschland“ – Wilhelm Griesinger im Streit mit der konservativen Anstaltspsychiatrie 1865-1868. Hamburg, Münster, London: LIT-Verlag.

Schmiedebach, H.-P. (2008): „Irrenanstaltspolitik“ um 1868: Stadtasyl und Anstaltspflege – Wilhelm Griesinger und Heinrich Laehr. In: H. Helmchen (Hg.): Psychiater und Zeitgeist. Zur Geschichte der Psychiatrie in Berlin. Lengerich: Pabst, S. 179-198.

 

Burkhart Brückner, Robin Pape, Ansgar Fabri

 

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Zitierweise
Burkhart Brückner, Robin Pape, Ansgar Fabri (2015): Laehr, Bernhard Heinrich.
In: Biographisches Archiv der Psychiatrie.
URL: www.biapsy.de/index.php/de/9-biographien-a-z/206-laehr-bernhard-heinrich
(Stand vom:16.12.2018)