Bleuler, Paul Eugen
Nachname:
Bleuler
Vorname:
Paul Eugen
Epoche:
19. Jahrhundert
20. Jahrhundert
Arbeitsgebiet:
Psychiatrie
Geburtsort:
Zollikon (CHE)
* 30.04.1857
† 15.07.1939
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Für die klinische Psychiatrie des 20. Jahrhunderts wegweisender Schweizer Arzt.

 

Lebensweg

Paul Eugen Bleuler (1857-1939) wurde in Zollikon bei Zürich als zweites Kind des Seidenhändlers und Landwirts Hans Rudolf Bleuler und seiner Frau Pauline Bleuler geboren. Zusammen mit seiner fünf Jahre älteren Schwester Anna Pauline (1852-1926) wuchs er auf einem Gehöft in einer Großfamilie auf (Letsch 2013; Hell 2012). Die Schwester erfuhr ab 1872 gravierende Krisen, sie wurde laut Scharfetter (2006, S. 44) mit „chronisch kataton-mutistischen“ Symptomen mehrmals klinisch behandelt und später lebenslang gepflegt. Die Position als betreuender Angehöriger Bleuler musste als Student seine Schwester zeitweilig zwangsernähren dürfte seine Berufswahl und eventuell auch seine therapeutischen Ambitionen beeinflusst haben, aber möglicherweise ebenso seine eugenischen Ideen, sofern er befürchtete, selbst erblich „belastet“ zu sein (Apelt-Riel 2009, S. 14 f.). 1881 schloss er das Studium der Medizin in Zürich ab und war 1881 bis 1884 Assistenzarzt unter Rudolf Schärer im Psychiatrischen Kantonsspital Waldau (Bern), wo er auch promovierte. Zwischen 1884 und 1885 reiste er unter anderem nach Paris zu Jean Martin Charcot und nach München zu Bernhard von Gudden.

 

1886 wurde er – nach nur kurzer Assistenz bei Auguste Forel in Zürich – Direktor der Kantonalen Irren-Pflegeanstalt Rheinau. Die dortigen Erfahrungen und sein Interesse für die Assoziationspsychologie beeinflussten seine späteren Arbeiten zur Schizophrenie. 1898 trat er Forels Nachfolge an der Psychiatrischen Klinik Burghölzli an und wurde ordentlicher Universitätsprofessor. Im selben Jahr starben seine Eltern und Bleuler nahm seine Schwester Pauline in die Klinik und dann in die Dienstwohnung auf (Letsch 2013, S. 250; Scharfetter 2006, S. 43 f.; s.a. die Beobachtungen von Brill 1946, S. 24 f.).

 

Bleuler leitete das Burghölzli 29 Jahre, etliche Mediziner bildeten sich bei ihm weiter, darunter Carl Gustav Jung, der von 1900 bis 1909 einer seiner wichtigsten Mitarbeiter war. Unter Bleulers Leitung formierte sich in der Klinik ab 1907 eine psychoanalytisch beeinflusste Forschungsgruppe. Neben Jung, der 1905 Bleulers Oberarzt wurde, gehörten dieser Gruppe Karl Abraham, Frank Riklin und Alphonse Maeder an. Aus dem Kreis von Bleulers Schülern gingen zahlreiche spätere Lehrstuhlinhaber hervor, etwa Jakob Kläsi, Hans Steck und Max Müller. Der kollegiale Austausch im Burghölzli war intensiv, die moralischen Maßstäbe hoch (z.B. Alkoholverbot in der Freizeit), das therapeutische Engagement bemerkenswert. Unter Bleuler entwickelte sich das Burghölzli zu einer Klinik von Weltgeltung. Bleuler selbst hielt seine Beiträge zur Prävention des Alkoholismus für seine wichtigsten Arbeiten. 1921 gründete er in Zürich eine kinderpsychiatrische Klinik und war von 1924 bis 1926 Universitätsrektor. 1927 wurde er emiritiert.

 

Eugen Bleuler war seit 1901 mit der Schriftstellerin Dr. phil. Hedwig Waser verheiratet. Sie hatten fünf Kinder. Sein Sohn Manfred Bleuler (1903-1994) wurde ebenfalls ordentlicher Professor der Psychiatrie in Zürich und Direktor des Burghölzli. In seinem Haus in Zollikon ging Bleuler seinen Forschungs- und Gutachtertätigkeiten auch im Ruhestand nach.

 

Schizophrenieforschung

Die bedeutendste Publikation Bleulers erschien 1911: Dementia praecox oder Gruppe der Schizophrenien. Bereits drei Jahre zuvor hatte er 1908 in dem Vortrag Die Prognose der Dementia praecox auf der Jahresversammlung des Deutschen Vereins für Psychiatrie in Berlin behauptet, bei der von Kraepelin unter dem Begriff „Dementia praecox” (lat. „vorzeitige Verblödung“ oder „Jugendirresein“) erfassten Störung müsse weder stets ein gravierender kognitiver Funktionsverlust auftreten noch dieser „vorzeitig“ sein. Vielmehr handele es sich um eine heterogene Gruppe und sei nicht auf Jugendliche beschränkt. Dieser ausgeweitete Begriff bezog zwar soziale Funktionen mit ein, erhöhte aber auch die Anzahl von Betroffenen, die unter die Diagnose fallen konnten (Bernet 2013, S. 207 ff.). Bleuler (1911) erläuterte: „ ... die psychischen Funktionen fließen nicht mehr wie beim Gesunden zu einem Konglomerat von Strebungen mit einheitlicher Resultante zusammen, sondern ein Komplex beherrscht zeitweilig die Persönlichkeit, währenddessen andere Vorstellungs- oder Strebungsgruppen ‘abgespalten’ und ganz oder teilweise unwirksam sind.” (S. 6). Im Vordergrund stünden Anomalien der Assoziation (Denkstörungen, „Zerfahrenheit“) und die Hemmung des emotionalen Ausdrucks („Autismus“). Zu diesen „Grundsymptomen" kämen häufig noch unspezifische, aber auffällige „akzessorische“ Symptome wie Wahn und Halluzinationen.

 

Ähnlich wie Karl Jaspers trennte Bleuler (1930, S. 644) ätiologisch zwischen „physischem Prozeß“ (Grundstörung) und „psychischem Überbau“ (Symptombildung). Und ähnlich wie Emil Kraepelin griff er zur Erklärung jener Grundstörung auf spekulative erb- und degenerationstheoretische Annahmen zurück. Die Störung sei unheilbar, man könne die Patienten nur noch „erziehen” – insofern sei „soziale Heilung“ möglich. Schizophrenie äußere sich in vier Unterformen, dem „Paranoid“ mit Wahn im Vordergrund, der „Katatonie“ mit motorischen Auffälligkeiten, der „Hebephrenie“ mit diskreten akzessorischen Symptomen und der „einfachen Schizophrenie“ in der allein Grundsymptome aufträten. Die Unterteilung wird bis heute in der Klassifikation der WHO (ICD-10) tradiert, während sie 2013 von der American Psychiatric Association (im Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, DSM-5) zugunsten dimensionaler Modelle aufgegeben wurde, da sie wissenschaftlichen Gütekriterien nicht standhielte.

 

Bleuler und die Psychoanalyse

Bleuler setzte sich als einer der ersten Klinikleiter Europas mit der Psychoanalyse auseinander und öffnete ihr damit einen Zugang zur Universität. Dieses Vorgehen war ungewöhnlich angesichts der unterschiedlichen Klientel von Psychiatrie und Psychoanalyse sowie Freuds Skepsis gegenüber der Psychosenpsychotherapie. 1910 führte Bleuler den Ausdruck „Tiefenpsychologie“ in dem Beitrag Die Psychoanalyse Freuds ein. Aber so sehr er sich für psychoanalytische Konzepte der Symptombildung öffnete, so wenig konnte er mit Freuds Ursachenlehre anfangen (vgl. Tölle 2008; Bleuler 1930). Dennoch stand er mit Freud zwischen 1904 und 1937 in regem Briefwechsel (Schröter 2012). Von 1909 bis 1913 gaben beide gemeinsam die sechs Bände des Jahrbuchs für psychoanalytische und psychopathologische Forschung heraus.

                                                                                                                                          

Schweizer Eugenik

Bleulers Haltung zur psychiatrischen Eugenik ist inzwischen kritisch aufgearbeitet worden. Eugenische Positionen, die bestrebt waren, das Recht von Patienten und Behinderten auf Elternschaft einzuschränken, (Zwangs-) Sterilisierungen vorzunehmen und in ihrer radikalen „rassenhygienischen“ Auslegung in Deutschland auch Tötungen anstrebten, waren im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts international weit verbreitet (z.B. USA, Skandinavien). Bleulers Vorgänger Auguste Forel war ein früher Vertreter eugenischer Forderungen. Im Asyl Will wurden ab 1907 die ersten vier Sterilisationen in Europa durchgeführt. Am Burghölzli folgten unter Eugen Bleuler ab 1909 einige eugenische Gutachten, in denen operative Eingriffe befürwortet wurden (Küchenhoff 2003). Das Schweizer Kanton Waadt führte 1928 das erste Zwangssterilisationsgesetz in Europa ein. 1936 bekräftigte Eugen Bleuler in seinem Aufsatz Die naturwissenschaftlichen Grundlagen der Ethik, dass die „Vermehrung“ von „geistig Defekten“ und „Minderwertigen“ schon lange von den „Irrenärzten“ als großes „Unrecht“ angesehen worden sei und befürwortete in „schweren Fällen“ kollegial begutachtete Tötungen als eine legitime „Pflicht“. Eugenisch begründete Sterilisationen wurden in der Schweiz bis in die siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts durchgeführt.

 

Auszeichnungen

1928: Ehrenmitglied des Deutschen Vereins für Psychiatrie.

1932: Mitglied der Akademie Leopoldina.

 

Literatur

American Psychiatric Association (2013): Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders. Fifth Edition. Washington: American Psychiatric Publishing.

Apelt-Riel, S. (2009): Der Briefwechsel zwischen Ludwig Binswanger und Eugen Bleuler von 1907 - 1939 im Spannungsfeld von Psychoanalyse und Psychiatrie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Inaugural-Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Medizin der Medizinischen Fakultät der Eberhard-Karls-Universität zu Tübingen.

Bernet, B. (2013): Schizophrenie. Entstehung und Entwicklung eines psychiatrischen Krankheitsbilds um 1900. Zürich: Chronos.

Berrios, G.E. (2011): Bleuler’s Place in the History of Psychiatry. In: Schizophrenia Bulletin 37, (6), S. 1096-1098.

Bleuler, E., K. H. Lehmann (1881): Zwangsmässige Lichtempfindungen durch Schall und verwandte Erscheinungen auf dem Gebiete der andern Sinnesempfindungen. Leipzig: Fues.

Bleuler, E. (1906): Affektivität, Suggestibilität, Paranoia. Zürich, Halle: Marhold.

Bleuler, E. (1908): Die Prognose der Dementia praecox (Schizophreniegruppe). In: Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie und psychisch-gerichtliche Medizin 65, S. 436-464.

Bleuler, E. (1910): Die Psychoanalyse Freuds. Verteidigung und kritische Bemerkungen. In: Jahrbuch für Psychoanalyse 2, S. 623-730.

Bleuler, E. (1911): Dementia praecox oder Gruppe der Schizophrenien. [Handbuch der Psychiatrie, hg. von G. Aschaffenburg, Spez. Teil, 4. Abt., 1. Hälfte]. Leipzig und Wien: Deuticke.

Bleuler, E. (1916): Lehrbuch der Psychiatrie. Berlin: Springer.

Bleuler, E. (1921): Naturgeschichte der Seele und ihres Bewusstwerdens; eine Elementarpsychologie. Berlin: Springer.

Bleuler, E. (1930): Primäre und sekundäre Symptome der Schizophrenie. In: Zeitschrift für die gesamte Neurologie und Psychiatrie 124, (1), S. 607-646.

Bleuler, E. (1936): Die naturwissenschaftlichen Grundlagen der Ethik. In: Schweizer Archiv für Neurologie und Psychiatrie 3, (2), S. 177-206.

Brill, A. A. (1946): Lectures on psychoanalytic psychiatry. New York: Vintage Books 1955.

Dalzell, T. (2010): The reception of Eugen Bleuler in British psychiatry, 1892-1954. In: History of Psychiatry 21, (3), S. 325-339.

Dalzell, T. G. (2015): Bleuler, Eugen (1857-1939). In: R. Cautin, S. Lilienfield (Hg.): Encyclopedia of Clinical Psychology, Bd. 1. Hoboken: Wiley-Blackwell, S. 404-407.

Heckers, S. (2011): Bleuler and the Neurobiology of Schizophrenia. In: Schizophrenia Bulletin 37, (6), S. 1131-1135.

Hell, D. (2012): Herkunft, Kindheit und Jugend. In: R. Mösli (Hg.): Eugen Bleuler – Pionier der Psychiatrie. Zürich: Römerhof, S. 15-28.

Hell, D., C. Scharfetter, A. Möller (2001, Hg.): Eugen Bleuler – Leben und Werk. Bern: Hans Huber.

Hoff, P. (2015): Bleuler, Eugen (1857-1939). In: J. D. Wright (Hg.): International Encyclopedia of the Social & Behavioral Sciences (Second Edition). Amsterdam: Elsevier, S. 700-702.

Huonker, T. (2003): Diagnose „moralisch defekt“. Kastration, Sterilisation und Rassenhygiene im Dienst der Schweizer Sozialpolitik und Psychiatrie 1890-1970. Zürich: Orell Füssli.

Küchenhoff, B. (2003): Eugenisch motiviertes Denken und Handeln im „Burghölzli“ am Anfang des 20. Jahrhunderts. In: Schweizer Archiv für Neurologie und Psychiatrie 154, (1), S. 11-19.

Letsch, W. (2013): Eugen Bleulers Herkunft und Jugendzeit. In: Schweizer Archiv für Neurologie und Psychiatrie 164, (7), S. 236-251.

Maatz, A., P. Hoff (2014): The birth of schizophrenia or a very modern Bleuler: a close reading of Eugen Bleuler’s ‘Die Prognose der Dementia praecox’ and a re-consideration of his contribution to psychiatry. In: History of Psychiatry 25, (4), S. 431-440.

Möller, A., D. Hell (2003): Das Gesellschaftsbild von Eugen Bleuler - Anschauungen jenseits der psychiatrischen Klinik. In: Fortschritte der Neurologie und Psychiatrie71, (12), S. 661-666.

Mösli, R. (2012, Hg.): Eugen Bleuler – Pionier der Psychiatrie. Zürich: Römerhof Verlag.

Scharfetter, C. (2006): Eugen Bleuler 1857-1939. Polyphrenie und Schizophrenie. Zürich: vdf Hochschulverlag.

Schröter, M. (2012; Hg.): Sigmund Freud – Eugen Bleuler: „Ich bin zuversichtlich, wir erobern bald die Psychiatrie“. Briefwechsel 1904-1937. Basel: Schwabe.

Tölle, R. (2008): Eugen Bleuler (1857-1939) und die deutsche Psychiatrie. In: Der Nervenarzt 79, (1), S. 90-98.

 

Burkhart Brückner, Ansgar Fabri

 

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Zitierweise
Burkhart Brückner, Ansgar Fabri (2015): Bleuler, Paul Eugen.
In: Biographisches Archiv der Psychiatrie.
URL: www.biapsy.de/index.php/de/9-biographien-a-z/61-bleuler-paul-eugen
(Stand vom:16.12.2018)