Forel, Auguste Henri
Nachname:
Forel
Vorname:
Auguste Henri
Epoche:
19. Jahrhundert
20. Jahrhundert
Arbeitsgebiet:
Neurologie
Psychiatrie
Politik
Geburtsort:
Morges (CHE)
* 01.09.1848
† 27.07.1931
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Schweizer Psychiater und Neurologe, Entomologe und Eugeniker.

 

Auguste Forel (1848-1931) wurde in Morges (Kanton Waadt) geboren und wuchs in einer wohlhabenden Familie auf. Forel galt lange als Leitfigur der Schweizer Psychiatrie und Neurologie, er trat zudem als Sozialist, Pazifist, Frauenrechtler und Mitglied der Bahá'í-Religion hervor, wird aber seit den neunziger Jahren aufgrund teils eugenischer und rassistischer Positionen zunehmend kritischer beurteilt (vgl. Dubach 2013; Küchenhoff 2008).

 

Bereits als Sechsjähriger widmete Forel sich der Erforschung von Ameisen. Nach dem Abitur in Lausanne und dem Medizinstudium von 1866 bis 1871 in Zürich würdigte die Schweizer Akademie der Wissenschaften 1872 seine Arbeit Die Ameisen in der Schweiz (Les Fourmis de la Suisse) mit demSchläfli-Preis. Forel entwickelte sich zu einem bedeutenden Entomologen, er publizierte dazu über 270 wissenschaftliche Arbeiten und 1923 das fünfbändige Hauptwerk Die soziale Welt der Ameisen.

 

Frühe neurologische Arbeiten

Im Medizinstudium scheiterte Forel zunächst am ersten Staatsexamen. Bis zu dessen Wiederholung verfasste er seine hirnanatomische Doktorarbeit Beiträge zur Kenntnis des Thalamus opticus und der ihn umgebenden Gebilde bei Säugetieren. Es folgten ab 1873 eine Assistenztätigkeit an der Münchener Kreis-Irrenanstalt unter Bernhard von Gudden und 1876 die Habilitation über die Hauben-Region des Mittelhirns. In der Münchener Zeit optimierte er die Konstruktion des Schneidegeräts für hirnanatomische Präparate (Mikrotom) und konnte 1874 das erste vollständige Schnittpräparat des menschlichen Hirns herstellen (Forel 1877). Er wurde 1879 zunächst Sekundärarzt der Züricher Universitätsklinik Burghölzli und bald darauf Direktor und Ordinarius für Psychiatrie. In gesicherter Stellung heiratete er 1883 seine Frau Emma (geb. Steinheil). Sein Sohn Oscar Louis Forel wurde ebenfalls Psychiater. 1885 entdeckte Forel die zerebrale Basis der Hörnerven, ein Jahr später erkannte er die Neuronen als kleinste Struktureinheit des Hirns (vgl. Akert 1993).

 

Hypnotismus

Ab 1895 interessierte Forel sich für Hypnose und lernte das Verfahren 1887 bei Hippolyte Bernheim in Nancy. 1889 erweiterte er einen Aufsatz über das damals weithin diskutierte Phänomen (u. a. von J.-M. Charcot, J. Braid, A. A. Liébeault) zu einem Buch (Der Hypnotismus) und entfaltete eine monistische Identitätstheorie des Bewusstseins: „Subjectivismus, Kraft und Stoff sind, ihrem Wesen nach, das Gleiche und erscheinen auf der Erde als Grosshirn und Seele des Menschen in ihrer complicirtesten, vollständigsten Form.“ (Forel 1889/1895, S. 5; vgl. Breidbach 1998). Forel erklärte die hypnotischen Phänomene (Suggestion, Somnabulismus), aber auch Träume und Halluzinationen, zu „unterbewussten“ Prozessen des Psychischen in Korrespondenz mit „subcerebralen“ und instinktiven Anteilen. Ältere Thesen des Mesmerismus („animalischer Magnetismus“) oder der Vermögenspsychologie lehnte er ab und diskutierte die Hypnose als wissenschaftlich und therapeutisch nutzbares Phänomen.

 

Sexualaufklärung und Alkoholprävention

1898 kündigte Forel im Alter von fünfzig Jahren seine Dienstverhältnisse an der Universität Zürich und im Burghölzli, um als Sozialhygieniker öffentlichkeitswirksamer arbeiten zu können (Küchenhoff 2008, S. 218). In den Folgejahren engagierte er sich gegen Alkoholmissbrauch, gründete 1888 die Trinkerheilstätte Ellikon an der Thur (heute Forel-Klinik) und setzte die Psychiatrie in der Schweiz als medizinisches Prüfungsfach durch. Sein auf Prävention gerichtetes Engagement für die Alkoholabstinenz begründete er mit degenerationstheoretischen Konzepten, da Alkoholmissbrauch angeblich Keimschädigungen verursache („Blastophtorie“; vgl. Germann 1997). Mit seinem 1905 veröffentlichten, in elf Sprachen übersetzten und in 17 Auflagen erschienenen Buch Die sexuelle Frage wollte Forel nicht nur ein allgemein verständliches Aufklärungsbuch vorlegen, sondern auch eine Kampfschrift, die sich gegen die Unterdrückung von Frauen wendete und für das Frauenstimmrecht eintrat. Von den Nationalsozialisten wurde die Schrift verboten, zumal Forel politisch internationalistisch eingestellt war. Allerdings pries er die eugenische Literatur (W. Schallmeyer) und hielt sowohl Homosexualität als auch Prostitution für „pathologisch“ (Forel 1905, S. 384, 250, 301).

 

Politisches und eugenisches Engagement

Nach zwei Schlaganfällen im Jahr 1912 (die der junge Oskar Kokoschka in einem Porträt Forels bereits 1910 antiztipiert haben soll) lernte Forel mit der linken Hand zu arbeiten (Huf & O’Neill 2005). 1916 trat er in die Sozialdemokratische Partei ein (Volkart 1948, S. 305), seine Formel des „ethischen Sozialismus“ zielte auf die kulturelle Bändigung der „Raubtiernatur“ des Menschen. Mit dieser kulturpessimistischen Grundstimmung forderte er 1914 in der Schrift Die vereinigten Staaten der Erde eine Weltsprache (Esperanto), die Verbreitung des Genossenschaftsprinzips und einen pazifistischen Völkerbund. Zugleich behauptete er: „Gerade die schwarzen Rassen sind aber in der Regel intellektuell und ethisch-sozial minderwertig“ (S. 15). Zudem habe er bereits 1885 eine „wenigstens negative künstliche Zuchtwahl empfohlen und sogar, in einigen Fällen, unter medizinischen Vorwänden, in Wirklichkeit aber, um scheussliche Entartete an ihrer Vermehrung zu hindern, angewendet.“ (S. 60).

 

In der Tat veranlasste Forel ab 1885 als erster Mediziner und ohne gesetzliche Grundlage eugenisch begründete Kastrationen (Küchenhoff 2008; Huonker 2003, S. 81 f.) sowie im Burghölzli vielfach Zwangssterilisationen. 1910 plädierte er in dem Vortrag Malthusianismus oder Eugenik? nach der rassentheoretischen Unterscheidung zwischen Vollmenschen" und minderwertigen" Personen für die reformpädagogische Erziehung von Kindern und folgerte: In einer so erzogenen Gesellschaft wird die Sterilisierung der Untüchtigen, Elenden und Schlechten ein natürliches Gebot des sozialen Pflichtenkodexes werden. Einsichtige Kranke oder Abnorme werden es sogar ganz von selbst tun und zum Trost Waisenkinder adoptieren. Für Geisteskranke und Verbrecher wird man gesetzliche Mittel finden, um diese Sterilisierung eventuell gegen ihren Willen vorzunehmen. Ferner wird man es auch verstehen, die Liebe und die Befriedigung des Sexualtriebes von der Zeugung zu trennen, weil man in der richtigen eugenischen Zeugung die höchste aller menschlichen Pflichten erblicken wird. ... Dann wird es auch kein verblödetes, unwissendes, degeneriertes geistiges und körperliches Lumpenproletariat mehr geben, das sich in seinem Unbewußtsein kaninchenmäßig vermehrt und unsere Gesellschaft mit Schädlingen verpestet." (Forel 1911, S. 27).

 

Forel trieb die Verabschiedung des ersten europäischen Sterilisationsgesetzes 1928 im Kanton Waadt voran (das bis 1985 in Kraft blieb) und unterstützte den sächsischen Bezirksarzt Gustaf Boeters, der 1925 für einen „Entwurf zu einem Gesetz über die Verhütung unwerten Lebens durch operative Maßnahmen“ warb („Lex Zwickau“).

 

Auguste Forels autobiographischer Rückblick auf mein Leben wurde 1931 nach seinem Tod auf der Trauerfeier in Lausanne von seinem Sohn verlesen und 1935 veröffentlicht (Tanner 2010). Seine Leistungen als Neurologe und Entomologe bleiben, sein Wirken als entschiedener Eugeniker belegt demgegenüber die ab 1900 anwachsende Gefährdung der Bevölkerungspolitik in Europa durch einen erbtheoretischen, szientistisch-medikal legitimierten Sozialdarwinismus auch im sozialdemokratischen Lager. Forels Stellung als Schlüsselfigur eugenischer Debatten ist seit den neunziger Jahren aufgearbeitet worden, bekannt wurde die öffentliche Diskussion um eine in der Universität Zürich aufgestellte Büste von ihm, die 2006 entfernt wurde.

 

Auszeichnungen

1872: Schläfli-Preis.

 

Literatur

Akert, K. (1993). August Forel – Cofounder of the Neuron Theory (1848-1931). In: Brain Pathology 3, (4), S. 425-430.

Bigler, Kurt (1978): Auguste Forel (1848-1931). In: Profil. Sozialdemokratische Zeitschrift für Politik, Wirtschaft und Kultur 57, (10), S. 297-300.

Breidbach, O. (1998): Monismus um 1900 – Wissenschaftspraxis oder Weltanschauung? In: E. von Aescht, G. Aubrecht (Hg.): Welträtsel und Lebenswunder. Ernst Haeckel – Werk, Wirkung und Folgen. Linz: Landesmuseum, S. 289–316.

Bugmann, M. (2008): Auguste Forels Hypnotismus im Vorlesungssaal und in der Klinik. In: Schweizerische Ärztezeitung 89, (17), S. 774-775.

Bugmann, M., P. Sarasin, (2003): Forel mit Foucault. Rassismus als ,Zäsur' im Diskurs von August Forel. In: Studien und Quellen 29, S. 43-69.

Dubach, R. (2013): Verhütungspolitik. Sterilisationen im Spannungsfeld von Psychiatrie, Gesellschaft und individuellen Interessen in Zürich (1890-1970). Zürich: Chronos.

Germann, U. (1997): „Alkoholfrage“ und Eugenik. Auguste Forel und der eugenische Diskurs in der Schweiz. In: Traverse - Zeitschrift für Geschichte 4, (1), S. 144-154.

Grau, G. (2009): August Forel (1848-1931). In: V. Sigusch, G. Grau (Hg.): Personenlexikon der Sexualforschung. Frankfurt am Main: Campus, S. 171-180.

Forel, A. (1872) Beiträge zur Kenntnis des Thalamus opticus und die ihn umgebenden Gebilde bei den Säugethieren. [Inauguraldissertation]. In: A. Forel: Gesammelte hirnanatomische Abhandlungen. München: Reinhardt 1907, S. 18-43.

Forel, A. (1874): Les fourmis de la Suisse. Systématique, notices anatomiques et physiologiques, architecture, distribution géographique, nouvelles expériences et observations de moeurs. Zürich: Zurcher & Furrer.

Forel, A. (1877): Untersuchungen über die Haubenregion und ihre oberen Verknüpfungen im Gehirne des Menschen und einiger Säugethiere, mit Beiträgen zu den Methoden der Gehirnuntersuchung. In: Archiv für Psychiatrie und Nervenkrankheiten 7, (3), S. 393-495.

Forel, A. (1887): Einige hirnanatomische Betrachtungen und Ergebnisse. In: Archiv für Psychiatrie 18, S. 162-198.

Forel, A., G. C. Lund (1896): Formicides néotropiques. Bulletin de la Société entomologique suisse 9, (9), S. 179-209.

Forel, A. (1889): Der Hypnotismus. Seine Psycho-physiologische, medicinische, strafrechtliche Bedeutung und seine Handhabung. 3., verbesserte Auflage Stuttgart: Enke 1895.

Forel, A. (1905): Die sexuelle Frage, eine naturwissenschaftliche, psychologische, hygienische und soziologische Studie für Gebildete. München: Reinhardt.

Forel, A. (1907): Gesammelte hirnanatomische Abhandlungen. Mit einem Aufsatz über die Aufgaben der Neurobiologie. München: Reinhardt.

Forel, A. (1910): Das Sinnesleben der Insekten. München: Reinhardt.

Forel, A. (1911): Malthusianismus oder Eugenik? Vortrag gehalten im neomalthusianischen Kongress zu Haag (Holland) am 29 Juli 1910. München: Reinhardt.

Forel, A. (1914): Die Vereinigten Staaten der Erde. Ein Kulturprogramm. Lausanne: Ruedi.

Forel, A. (1921): Der Hypnotismus oder die Suggestion und die Psychotherapie. Stuttgart: Enke.

Forel, A. (1935): Rückblick auf mein Leben. Zürich: Büchergilde Gutenberg.

Forel, A. (1968) Briefe = Correspondance, 1864–1927. Hg. von Hans H. Walser. Bern: Huber.

Fromm, E. (1935): Rezension A. Forel: Rückblick auf mein Leben. In: Zeitschrift für Sozialforschung 4, S. 112–114.

Graf-Nold, A. (2005): August Forel am Burghölzli. Hirnforschung, Hypnotismus, Anti‐Alkoholismus und Sexualreform. In: H. E. Lück, R. Miller (Hg.): Illustrierte Geschichte der Psychologie München. Quintessenz 1993. Weinheim: Beltz Verlag, S. 250-253.

Huf, V., D. O’Neill (2005): Oskar Kokoschka and Auguste Forel. Life Imitating Art or a Stroke of Genius? In: Stroke 36, (9), S. 2037-2040.

Iso, I. M., B. C. Schär (2009): Kolonialer Rassismus, eugenisches Denken und Geschlecht – Auguste Forel und Otto Stoll in der Debatte um die „allgemeine Natur des Menschen“ um 1900. In: C. Binswanger (Hg.): Gender Scripts: Widerspenstige Aneignungen von Geschlechternormen, Frankfurt am Main: Campus.

Küchenhoff, B. (2008): The psychiatrist Auguste Forel and his attitude to eugenics. In: History of Psychiatry 19, (2), S. 215-223.

Leist, A. (2006, Hg.): Auguste Forel. Eugenik und Erinnerungskultur. Zürich: Hochschulverlag.

Parent, A. (2003): Auguste Forel on ants and neurology. In: The Canadian Journal of Neurological Sciences 30, (3), S. 284-291.

Ritter, H. J. (2009): Psychiatrie und Eugenik. Zur Ausprägung eugenischer Denk-und Handlungsmuster in der schweizerischen Psychiatrie, 1850-1950. Zürich: Chronos.

Tanner, J. (2006): Auguste Forel als Ikone der Wissenschaft. Ein Plädoyer für historische Forschung. In: A. Leist (Hg.): Auguste Forel. Eugenik und Erinnerungskultur. Zürich: Hochschulverlag, S. 81-106.

Tanner, J. (2010): August Forels „Rückblick auf mein Leben“ neu ediert. Eugenik, soziale Wohlfahrt, Frieden. In: Schweizerische Ärztezeitung 91, (38), S. 1498-1499.

Volkart, O. (1948): August Forel. Zum 100. Geburtstag - 1. September 1948. In: Rote Revue – sozialistische Monatsschrift 27, (8), S. 303-308.

Wettley, A. (1953): Auguste Forel. Ein Arztleben im Zwiespalt seiner Zeit. Salzburg: Müller.

Wottreng, W. (1999): Hirnriss. Wie die Irrenärzte August Forel und Eugen Bleuler das Menschengeschlecht retten wollten. Zürich: Weltwoche.

 

Burkhart Brückner, Ansgar Fabri

 

Foto: unknown, Adrian Michael (Ortsmuseum Zollikon) / Quelle: Wikimedia / gemeinfrei [public domain].

 

Zitierweise
Burkhart Brückner, Ansgar Fabri (2015): Forel, Auguste Henri.
In: Biographisches Archiv der Psychiatrie.
URL: www.biapsy.de/index.php/de/9-biographien-a-z/199-forel-auguste-henri
(Stand vom:16.12.2018)