Kirchhoff, Friedrich August Theodor
Nachname:
Kirchhoff
Vorname:
Friedrich August Theodor
Epoche:
19. Jahrhundert
20. Jahrhundert
Arbeitsgebiet:
Psychiatrie
Medizingeschichte
Geburtsort:
Moers
* 27.06.1853
† 28.10.1922
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Deutscher Psychiater und Psychiatriehistoriker

 

Theodor Kirchhoff (1853-1922) wurde in Moers am Niederrhein geboren. Sein Vater war Studienprofessor am Christianeum in Hamburg-Altona. Noch als Schüler nahm Kirchhoff am deutsch-französischen Krieg von 1870/71 im Krankenpflegedienst teil. Ab 1872 folgte das Medizinstudium in Heidelberg, Leipzig, München und Kiel (Hinrichs 1924, S. 315; Pagel 1901, S. 857). Das Physikum absolvierte er 1874 in München. 1877 bestand er das Staatsexamen in Kiel und promovierte zum Thema Ein Beitrag zur Aphasie im Sinne der Localisation psychischer Functionen.

 

Früher Werdegang

Nach dem Staatsexamen war Kirchhoff für ein Jahr Volontärarzt an der Irrenanstalt Schleswig. Anschließend absolvierte er den Militärdienst ein halbes Jahr bei der Marine in Kiel, der er später als Stabsarzt angehörte (Hinrichs 1924, S. 316). Von 1878 bis 1880 arbeitete er wieder als Assistent unter Peter Hansen (1840-1902) an der Irrenanstalt Schleswig. Kirchhoff war seit Anfang der achtziger Jahre verheiratet (Hinrichs 1924, S. 319). Er wurde zunächst unter Karl Heinrich Christian Bartels (1822-1878) und danach unter Heinrich Irenaeus Quincke (1842-1922) Assistent an der Medizinischen Klinik der Universität Kiel. Vor allem durch Quincke habe Kirchhoff dass „genaue und sorgfältige Beobachten und Untersuchen am Krankenbett“ gelernt und sei „auf den Zusammenhang der gesamten Medizin hingewiesen“ worden (Hinrichs 1924, S. 316). Ab 1880 arbeitete Kirchhoff als Arzt an der Irrenanstalt bei Schleswig (Pagel 1901, S. 857). Dort habe er durch die Verbannung der „letzten Zwangsmittel“ auf den „unruhigen Frauenabteilungen“ (Hinrichs 1924, S. 316) die Anerkennung seines Direktors Hansen erlangt. Ab 1885 war Kirchhoff in einer Privatanstalt für „unheilbar Geisteskranke“ bei Schleswig tätig (Kreuter 1996, S. 710).

 

Bereits als Student bemängelte Kirchhoff das Fehlen psychiatrischer Vorlesungen an den Universitäten. 1882 trat er mit der Provinzialverwaltung bezüglich des Baus einer Klinik in Kontakt, der Landesdirektor habe jedoch ablehnend reagiert (Hinrichs 1924, S. 317). 1886 regte er an, das Volontärarztsystem in Schleswig auszubauen und bat, an der Anstalt Kurse für praktische Ärzte und Studenten halten zu dürfen. Als dies abgelehnt wurde, entschied sich Kirchhoff, ab 1888 als Privatdozent für Psychiatrie an der Universität Kiel zu lehren (Pagel 1901, S. 857). Kirchhoff wollte mit dieser Tätigkeit „die Notwendigkeit des Baus einer psychiatrischen Klinik nachweisen“ (Hinrichs 1924, S. 317).

 

Lehrbuch der Psychiatrie

Kirchhoffs Lehrbuch der Psychiatrie von 1882 fand offenbar Anklang aufgrund seiner klaren und verständlichen Sprache (Hinrichs 1924, S. 317). Es wurde 1893 als Handbook of Insanity for Practitioners and Students ins Englische übersetzt. Ein Auszug des Lehrbuches als „kürzeste und einfachste Fassung des Stoffes für den Lernenden“ erschien 1899 unter dem Titel Grundriss der Psychiatrie für Studierende und Ärzte. Der erste, allgemeine Teil beinhaltete anatomische Grundlagen „geistiger Störungen“, sowie ihre Ursachen, Erscheinungsformen, Verläufe, Untersuchungs- und Behandlungsmethoden. Im zweiten („besonderen“) Teil ging Kirchhoff auf die Störungsformen ein und ordnete diese in (a) „Einfache geistige Störungen, vorzugsweise aus Spannungszuständen einzelner Hirntheile sich entwickelnd“, (b) „Geistige Störungen verbunden mit nachweisbaren anatomischen Veränderungen des Gehirns“ sowie (c) „Geistige Störungen bei einigen allgemeinen Erkrankungen des Nervensystems und bei Vergiftungen“. Eine zweite Auflage des Buches erschien nicht, da es „durch die späteren Auflagen des Lehrbuchs von Kraepelin mit seinen neueren Lehren überholt“ wurde (Hinrichs 1924, S. 317).

 

Direktion der Irrenanstalten Neustadt und Schleswig

Kirchhoff habilitierte sich 1888 an der Universität Kiel mit der Arbeit Die Localisation psychischer Störungen und erhielt 1901 den Professorentitel. Von 1893 bis 1902 war er Direktor der Provinzial-Pflegeanstalt Neustadt in Holstein. Im Jahr 1896 erhielt er „den Auftrag für einen Entwurf von Plänen zum Bau einer Psychiatrischen und Nervenklinik in Kiel“ (Kreuter 1996, S. 710) und war hierfür als ärztlicher Sachverständiger tätig (Hinrichs 1924, S. 318). Die Pläne wurden, nachdem der Rohbau fertig gestellt war, Eduard Hitzig (1838-1907) vorgelegt und Kirchhoff verlor – aus unklaren Gründen – an Einfluss (Hinrichs 1924, S. 318; Kreuter 1996, S. 710). Nach Fertigstellung der Klinik erhielt er dort (trotz Vorschlag der Kieler Fakultät) keine Professur. Ein mitbestimmender Umstand könnte gewesen sein, dass Kirchhoff ein „vollkommener Autodidakt“ gewesen sei (Hinrichs 1924, S. 318). 1902 (nach Hansens Tod) erfolgte die Ernennung zum Direktor der Irrenanstalt Schleswig-Stadtfeld (Kreuter 1996, S. 710 u. 242). Diese Stellung gab Kirchhoff 1919 auf und wurde Herausgeber der 1921 und 1924 in zwei Bänden erschienenen biographischen Sammlung Deutsche Irrenärzte. Bei Erscheinen des zweiten Bandes war Kirchhoff bereits verstorben und seine eigene Biographie wurde zu seinem Andenken aufgenommen. Kirchhoff starb 1922 im Alter von 69 Jahren an einem Herzschlag in Schleswig.

 

Kirchhoff als Psychiatriehistoriker

Bereits 1890 legte Kirchhoff mit seinem Grundriss der Geschichte der Irrenpflege die wohl erste systematisch durchdachte Institutionengeschichte der Psychiatrie in deutscher Sprache vor. Zu dieser Zeit gab es zur Geschichte der Psychiatrie neben einigen verstreuten Einzelaufsätzen und Vorträgen vor allem die älteren, wegweisenden Zusammenstellungen von Johann Baptist Friedrich (1796-1862; z.B. 1836) und Heinrich Laehr (1820-1905; z.B. 1885). 1912 fasste Kirchhoff seine Studien mit dem Beitrag Geschichte der Psychiatrie auf vierzig Seiten als ersten Teil des von Gustav Aschaffenburg (1866-1944) im Jahr 1912 herausgegeben Handbuchs der Psychiatrie zusammen.

Kirchhoff beschrieb die europäische Geschichte der Psychiatrie mit Schwerpunkt auf Deutschland: „Daß Geschichte der Medizin immer auch Kulturgeschichte ist, zeigt besonders deutlich die Geschichte der Psychiatrie. Sowohl als ärztliche Kunst wie als Wissenschaft ist sie immer aufs engste mit der Entwicklung der Kultur verbunden“ (Kirchhoff 1912, S. 7). Kirchhoff unterteilte den geschichtlichen Abriss in Altertum, Mittelalter und Neuzeit: „Im Allgemeinen aber war es um die Psychiatrie bis in die Neuzeit hinein traurig bestellt; […] steigerte sich zuletzt noch das Elend im Dasein der Kranken. Der Widerspruch zwischen idealistischen Anschauungen und ihrer trostlosen Anwendung läßt die Psychiatrie um den Beginn des 19. Jahrhunderts als ein Zerrbild erscheinen“ (S. 8).

 

Antike, Mittelalter und Frühe Neuzeit

Zu Beginn bezog sich Kirchhoff auf Plutarch, Hippokrates, Aristoteles und Platon und betonte die „gute Beobachtung“ im antiken Griechenland. Jedoch seien die Phänomene der „akuten Psychose“ (S. 11) vor allem im Zusammenhang mit „religiösen Motiven“ (S. 47) gesehen worden: „Die Priesterärzte glaubten, aus den Träumen der Kranken den Heilgott sprechen zu hören und deuteten aus ihnen das einzuschlagende Heilverfahren“ (S. 11). Kirchhoff schrieb: „Zuerst wurde die geistige Seite entwickelt; solange die Medizin überhaupt in den Händen der Priester war, erfuhr auch die Psychiatrie von diesen ihre einzige Ausbildung, dabei blieb sie aber überall eng verbunden mit Auffassung und Ausübung der gesamten Tempelmedizin“ (S. 7). Kirchhoff wies darauf hin, dass bereits Hippokrates – vor dem Hintergrund der Humoralpathologie – das Gehirn als geistiges Zentrum angesehen habe: „Indem Hippokrates die körperlichen Grundlagen der Geisteskrankheiten festhielt, verwarf er aber doch den göttlichen Ursprung und die Ansicht, es handle sich um eine göttliche Strafe“ (S. 14). Diese Haltung habe sich in vorwiegend somatischen Behandlungsmethoden widergespiegelt: „Hippokrates gelang es, klare Gesichtspunkte aufzustellen, aber schon bei seinen Nachfolgern wurden diese unsicher, weil sie die naive psychologische Beobachtung nicht mehr von metaphysischen Spekulationen trennten. In noch stärkerem Maße wurde die naive Beobachtung aber durch die mittelalterliche Psychologie verdrängt. […] Die Psychiatrie [wurde…] von der übrigen Medizin losgerissen und blieb in ihrer Entwicklung weit hinter dieser zurück. Für die damals herrschende Psychologie konnte weder die gesunde noch die kranke Seele etwas mit dem Körper gemein haben“ (S. 8).

 

Im Mittelalter sei „bei den Naturvölkern […] Heilung von Krankheiten meistens Dämonenversöhnung gewesen; die Krankheitsdämonen, welche die Menschheit quälen, wurden dann auch vom Christentum übernommen, und in der Person des Teufels war ihr Einfluß gerade bei den Besessenen am mächtigsten. Die Heilungsversuche blieben Sühnungen“ (S. 23). Kirchhoff ging kurz auf das Hexenwesen sowie auf die Inquisition ein: „Der Gedanke an das Austreiben der bösen Geister, die kirchliche Auffassung des Besessenseins blieb noch lange alleinherrschend“ (S. 28). „Die schädliche Einwirkung der mittelalterlichen Psychologie“ mit ihrem „mächtigen Aberglauben“ (S. 9) habe noch lange nachgewirkt: „Eine große Unsitte wurde im 16. Jahrhundert der Gebrauch, Geisteskranke öffentlich zu verspotten und zu verhöhnen“ (S. 36). Für die Frühe Neuzeit hob Kirchhoff vor allem den „genialen Arzt“ Paracelsus (1493-1541) hervor, der „erste deutsch schreibende Arzt“ (S. 29 f.).

 

Aufklärung und 19. Jahrhundert

„Als dann die Zeit der humanistischen Aufklärung und der naturwissenschaftlichen Fortschritte kam, war der Siegeszug dieser auch noch kein unwiderstehlicher, nur langsam waren die Erfolge; aber die Klarheit der gewonnenen Erkenntnis läßt uns hoffen, daß sie jetzt eine dauernde ist“ (S. 9). Es kann „in gewisser Weise [als] ein Fortschritt und eine Verbesserung der Lage der Irren“ (S. 37) angesehen werden, dass sie im 18. Jahrhundert in Zuchthäusern aufgenommen wurden. Die Kranken arbeiteten laut Kirchhoff teilweise oder zumindest aßen sie mit den Gefangenen gemeinsam. Diese kümmerten sich um das Wohlergehen der Kranken. Doch im Allgemeinen könne die jahrhundertelange Verbindung von Zucht- und Tollhäusern nicht als vorteilhaft gewertet werden (S. 37 f.). Für eine Verbesserung der Zustände habe das Geld gefehlt und „das Gefühl der Pflicht einer Fürsorge“ (S. 38). Doch ein „großer Fortschritt ist dann der Erlaß einer ‚besonderen Ordnung für irre und tolle Leute‘ in Berlin 1702“ (S. 38), der vorsah, dass „Unvermögende umsonst zu pflegen seien“.

 

Als Behandlungsmethoden erwähnte Kirchhoff Ekelkuren, kalte Übergießungen und Drehmaschinen Erwähnung, neben Einsperren, Hungern oder Auspeitschen (S. 40). Anfang des 19. Jahrhunderts habe sich dann das „praktische Irrenwesen“ entwickelt. Kirchhoff hob Johann Gottfried Langermanns (1768-1832) Reorganisierung des preußischen Irrenwesens hervor (S. 41). Schrittweise sei eine „psychiatrische Journalistik“ entstanden, als Ärzte und Psychologen psychiatrische Zeitschriften herausgaben. Weiterhin unklar sei im 19. Jahrhundert die Benennung und Einteilung der psychischen Störungen geblieben.

Kirchhoff verwies auf John Conolly (1794-1866), der die „ganze Bedeutung“ des „No-restraint-Systems“ (S. 43) erkannt habe: „Der größte Vorzug zwangsloser Behandlung zeigte sich bald auch gegenüber besinnlichen Kranken, denn ein freundliches Wesen und eine ruhige Sprache erweckten bei ihnen Vertrauen, wo sonst nur Furcht und Mißtrauen herrschten. Es ist seitdem auch immer deutlicher geworden, wie wichtig ein gut geschultes und williges Wartepersonal ist […] liebevolle Beaufsichtigung trat an die Stelle der mit Zwang fast immer verbundenen Vernachlässigung“ (S. 43). Kirchhoff erwähnte in Zusammenhang mit dem „No-restraint-System“ die Kostenfrage (S. 45). Vorübergehende Isolierungen habe es mit dem „Charakter einer Behandlungsmethode“ weiterhin gegeben (S. 43). Bedeutsam sei Wilhelm Griesingers (1817-1868) Einfluss, der eine „freie zwanglose Behandlung“ postuliert habe und „geschlossenen Anstalten durch jene Stadtasyle, Kolonien und Familienpflege zu ersetzen oder ergänzen riet“ (S. 45). Schrittweise seien Beschäftigungsangebote für die Kranken implementiert worden und es entwickelte sich die „Erkenntnis, daß die Zahl der Ärzte an den Anstalten anwachsen müsse; daneben stellte sich die Notwendigkeit heraus, den praktischen Ärzten Gelegenheit zum Studium der Psychiatrie zu geben“ (S. 44).

Kirchhoff endete seinen geschichtlichen Exkurs mit der Vision, dass es der Psychiatrie gelingen wird „allmählich ihrem Ziele näher zu kommen; jedenfalls steht sie […] als gleichwertige Disziplin neben den anderen Zweigen der Medizin“ (S. 46).

 

Psychiatriegeschichte und klinische Praxis

Kirchhoff schloss die „Leitenden Gedanken“ seiner Geschichte der Psychiatrie mit dem Satz ab: „Vor allen Dingen entbehrte sie [die Psychiatrie] die Kenntnis der pathologischen Anatomie. Wenn nun unsere heutige Psychiatrie diese wissenschaftlichen Grundlagen als ein reiches Geschenk von der modernen Medizin gewonnen und erhalten hat, so darf es als ein besonderes Glück für ihre weitere Entwicklung angesehen werden, daß gerade in den Reihen ihrer Ärzte auch das Streben nach der Ausbildung der künstlerischen Seite wieder mächtiger zu werden scheint“ (S. 10). Immer wieder stellte Kirchhoff die „Wechselbeziehung von Geist und Körper“ (S. 8) in den Mittelpunkt und betonte, dass sich die Psychiatrie „auf der Grenze von Körper und Geist“ befinde (S. 7). Denn: „Das Bedürfnis des guten Arztes, den ganzen Menschen zu behandeln, kann heutzutage nicht ohne Hilfe psychiatrischen Wissens und Erfahrung erfüllt werden; ohne diese läßt sich das volle Verständnis für die Wechselbeziehung von Geist und Körper bei inneren und äußeren Krankheiten nicht gewinnen“ (S. 8). Diese Grundhaltung Kirchoffs trug offenbar zur Unterstützung des Baus einer Medizinischen Klinik in Kiel bei (Kreuter 1996, S. 710).

 

Aus der historischen Perspektive sei Vermittlung psychiatrischen Wissens in die Allgemeinmedizin besonders bedeutsam. Abschließend äußerte Kirchhoff: „Überall sehen wir die Psychiatrie der Neuzeit von den allgemeinen und medizinischen Fortschritten auf das kräftigste unterstützt. […] Und doch dürfen wir uns nicht verhehlen, daß vielen unserer jetzigen Irrenärzte, wie vielen Ärzten überhaupt, der ideale Zug fehlt, welcher erst den vollendeten Arzt schafft; das höchste Ziel ärztlicher Kunst: den Menschen, nicht die Krankheit zu behandeln, sehen sie nicht klar vor sich. Gerade in der Psychiatrie ist das aber am nötigsten, denn sie will das Beste im Menschen, seinen Geist behandeln“ (S. 48). Kirchhoff betonte immer wieder im Sinne des „non-restraint“-Konzeptes, die Notwendigkeit der „ruhigen“ und „freien Behandlung“ der Patienten, die Ärzte sollten sich in „Geduld üben lernen“ (S. 44) und den „Vorzug zwangsloser Behandlung“ erkennen (S. 43). In diesem Sinne zitierte Kirchhoff Johann Karl Proksch (S. 30): „Die Narren sind Kranke und unsere Brüder; behandelt sie danach; wir wissen nicht, wen von uns oder unsern Angehörigen das gleiche Schicksal trifft."

 

Deutsche Irrenärzte

Das von Kirchhoff 1921/24 herausgegebene zweibändige Werk Deutsche Irrenärzte umfasste 109 Biographien nennenswerter deutscher Irrenärzte (Johann Christian Reil, Peter Willens Jessen, Karl Friedrich Stahl) sowie neun Biographien sogenannter „Vorläufer“, wie bspw. Theophrastus Paracelsus, Johann Weyer und Felix Plater. Es handelte sich hierbei um eine Auswahl, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Nicht die Geschichte der gesamten Psychiatrie sollte dargestellt werden, sondern der Fokus lag auf den vergangenen 100 Jahren.

Emil Kraepelin (1856-1926) regte die Entstehung des Werkes an. Kirchhoff verfasste insgesamt drei der enthaltenen Biographien. Kraepelin (1921) schrieb im Geleitwort: „Der tiefere Einblick in das Streben unserer Vorgänger nach Verständnis der seelischen Krankheitsformen wie nach Besserung des traurigen Loses der Irren gab mir ein überaus anziehendes, vielfach rührendes, ja ergreifendes Bild von dem opferfreudigen Kampfe, den die alten Irrenarzte mit den unzulänglichsten Hilfsmitteln in ihrem menschenfreundlichen Wirken zu führen hatten.“

 

Kirchhoff war der bedeutendste deutschsprachige Psychiatriehistoriker nach Johann Baptist Friedreich (1796-1862) und Heinrich Laehr (1820-1905). Sein Werk zeigt eine Verknüpfung zwischen Klinik und historischer Vergewisserung, die für die Entstehung der Psychiatriegeschichtsschreibung in Deutschland typisch ist. Demgemäß entwarf er eine Fortschrittsgeschichte „großer Ärzte“ des Fachs, um die Modernisierung der Psychiatrie zwischen 1870 und 1930 mit einer humanistischen Interpretation ihrer Geschichte zu legitimieren.

 

Kirchhoff war zudem Mitarbeiter der Allgemeinen Deutsche Biographie (ADB) und erstellte zwischen 1903 und 1908 insgesamt sechzehn biographische Artikel vorzugsweise zu Anstaltspsychiatern (zu Hermann Dick, Bernhard von Gudden, Friedrich Wilhelm Hagen, Jean Paul Hasse, Karl Hergt, Karl Reiner Hertz, Julius Jensen, Karl Friedrich Kind, Maximilian Leidesdorf, Theodor Meynert, Werner Nasse, Julius Rüppell, Ludwig Snell, Carl Ferdinand Suadicani, Friedrich A. H. Voppel und Ferdinand Warendorff).

 

Literatur

Friedreich, J.B. (1836): Historisch-kritische Darstellung der THeorien über das Wesen und den Sitz der psychischen Krankheiten. Leipzig: Wigand.

Hinrichs, T. (1924): Theodor Kirchhoff 1853-1922. In: T. Kirchhoff: Deutsche Irrenärzte. Einzelbilder ihres Lebens und Wirkens. Bd. 2. Berlin: Springer, S. 315-319.

Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften (Hg. 1875-1912): Allgemeine Deutsche Biographie. Leipzig: Duncker & Humblot.

Kirchhoff, T. (1890): Grundriss der Geschichte der Irrenpflege. Berlin: Hirschwald.

Kirchhoff, T. (1921/24): Deutsche Irrenärzte. Einzelbilder ihres Lebens und Wirkens, 2 Bde. (Hrsg. mit Unterstützung der Deutschen Forschungsanstalt für Psychiatrie in München.) Berlin: Springer.

Kirchhoff, T. (1922): Der Gesichtsausdruck und seine Bahnen beim Gesunden und Kranken, besonders beim Geisteskranken. Berlin: Springer.

Kirchhoff, T. (1912): Geschichte der Psychiatrie. In: G. Aschenffenburg (Hg.): Handbuch der Psychiatrie. Leipzig, Wien: Deuticke, S. 3-48.

Kirchhoff, T. (1899): Grundriss der Psychiatrie für Studierende und Ärzte. Leipzig, Wien: Deuticke.

Kirchhoff, T. (1893): Handbook of Insanity for Practitioners and Students. New York: William Wood & Co.

Kirchhoff, T. (1890): Die frühe Irrenpflege in Schleswig-Holstein. In: Zeitschrift der Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte, Band 20, S. 131-192, Commissions-Verlag der Universitäts-Buchhandlung, Kiel.

Kirchhoff, T. (1888): Die Localisation psychischer Störungen. Habilitationsschrift zur Erlangung der Venia docendi in der Psychiatrie der Medicinischen Facultät der Universität Kiel. Kiel: Schmidt & Klaunig.

Kraepelin, E. (1921): Geleitwort. In: T. Kirchhoff (Hg.): Deutsche Irrenärzte. Einzelbilder ihres Lebens und Wirkens, 1. Bd. Berlin: Springer.

Kreuter, A. (1996): Deutschsprachige Neurologen und Psychiater. Berlin: De Gruyter.

Pagel, J. L. (1901, Hg.): Biographisches Lexikon hervorragender Ärzte des

neunzehnten Jahrhunderts. Berlin: Urban & Schwarzenberg.

 

Annette Baum, Burkhart Brückner

 

Foto: unbekannt / Quelle: Wikimedia [public domain].

 

Zitierweise
Annette Baum, Burkhart Brückner (2017): Kirchhoff, Friedrich August Theodor.
In: Biographisches Archiv der Psychiatrie.
URL: www.biapsy.de/index.php/de/9-biographien-a-z/264-kirchhoff-friedrich-august-theodor
(Stand vom:19.12.2018)