Westphal, Carl Friedrich Otto
Nachname:
Westphal
Vorname:
Carl Friedrich Otto
Epoche:
19. Jahrhundert
Arbeitsgebiet:
Neurologie
Psychiatrie
Geburtsort:
Berlin (DEU)
* 23.03.1833
† 27.01.1890
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Empirisch-klinisch orientierter Neuropsychiater.

 

Carl Friedrich Otto Westphal (1833-1890) wurde als Sohn eines Arztes in Berlin geboren. Ab 1851 studiert er Medizin in Berlin, Heidelberg und Zürich. Er kehrte nach Berlin zurück, wo er 1855 die Approbation als Arzt erhielt und promovierte. Zunächst arbeitete er als Assistent in der Pockenabteilung der Berliner Charité und wechselte dann in die Abteilung für "Geisteskranke" an selbigem Krankenhaus. Westphal habilitierte sich 1861 mit Untersuchungen ueber die Körperwärme bei verschiedenen Formen der Geistesstörung und hielt psychiatrische Vorlesungen. Ein Jahr darauf heiratete er Clara Mendelssohn (1840–1927). Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor, sein Enkel Dieter Wyss (1923-1994) wurde ebenfalls ein bekannter, anthropologisch ausgerichteter, Psychiater. 1869 trat Westphal in der Nachfolge von Wilhelm Griesinger die erste Nominalprofessur für Geistes- und Nervenkrankheiten an der Berliner Charité an. Im Januar 1890 verstarb Carl Westphal nach einem längeren chronischen Nervenleiden in der Nervenheilanstalt Kreuzbingen/Konstanz.

 

Wissenschaftliche Arbeiten, Sexualforschung

Westphals wissenschaftlicher Schwerpunkt lag auf der klinisch-empirischen Medizin und experimentellen Physiologie. Zu seinen wichtigsten Arbeiten gehören u.a. Untersuchungen zur progressiven Paralyse, zu Zwangsvorstellungen und zur Agoraphobie. Sein Aufsatz über die „conträre Sexualempfindung” von 1869 ist im Gebiet der Sexualforschung exemplarisch für den Paradigmenwechsel zu organisch-physiologischen Konzepten in der deutschen Psychiatrie gegen Mitte des 19. Jahrhunderts. Mit seinen Erstbeschreibungen von Fällen weiblicher Homosexualität und männlicher Transsexualität verstand Westphal (1869, S. 94) die „conträre Sexualempfindung” als zuerst wechselnden, dann „fortdauernden Zustand“, bei dem „der Mann sich als Weib, das Weib sich als Mann fühlt“. Gegenüber früheren moraltheoretischen Vorstellungen wurden die Phänomene nun wissenschaftlich objektiviert in den nosologischen Kreis der „Perversionen” gerückt.

 

Psychopathologie

Westphal bemühte sich insbesondere um die Abgrenzung der sog. „Verrücktheit” als nosologisch unabhängige „primäre Seelenstörung” und nicht etwa als sekundäre Störung einer vorangehenden „intellectuellen Schwäche” oder Melancholie im Rahmen des traditionellen Konzepts der  „Einheitspsychose” (Zeller, Griesinger). Bei der „Verrücktheit“ stünden nicht affektive Aspekte im Vordergrund, sondern der „abnorme Vorgang im Vorstellen; in der Sphäre der Vorstellungen (mit oder ohne entsprechende Sinnesdelirien) spielt sich der Vorgang ab, und der allgemeine Inhalt dieser Vorstellungen bleibt sich immer gleich.“ (Westphal 1877, S. 253). Mit der so bestimmten „Verrücktheit” beschrieb er weitgehend das klinische Bild einer schizophreniformen Entwicklung und näherte sich mit den Ausführungen zum „abnormen Vorgang im Vorstellen” (Denkstörungen) und mit der Annahme der inhaltlichen Konstanz dieser Vorstellungen moderneren Konzepten von Wahn bzw. Paranoia an. Westphal überwand damit endgültig das einheitspsychotische Theorem.

 

Literatur

Binswanger, O. (1890): Zum Andenken an Carl Friedrich Otto Westphal. In: Deutsche Medicinische Wochenschrift 16, S. 205-207 u. 227-231.

Brückner, B. (2007): Delirium und Wahn. Geschichte, Selbstzeugnisse und Theorien von der Antike bis 1900. II. Band. 19. Jahrhundert - Deutschland. Hürtgenwald: Guido Pressler Verlag, S. 107-108.

Herzer, M.(2009): Carl Westphal (1833-1890). In: V. Sigusch, G. Grau (Hg.): Personenlexikon der Sexualforschung. Frankfurt am Main: Campus, S. 758-761.

Kohl, F., B. Holdorff (2006): Carl Westphal. In: H. Hippius, B. Holdorff, H. Schlick (Hg.): Nervenärzte 2. Biographien. Stuttgart: Thieme, S. 197-212.

Köllner, E. (2001): Homosexualität als anthropologische Herausforderung. Konzeption einer Homosexuellen Anthropologie. Bad Heilbrunn, Klinkhardt, S. 74-77.

Kreuter, A. (1996): Westphal, Carl Friedrich Otto. In: Deutschsprachige Neurologen und Psychiater. Ein biographisch-bibliographisches Lexikon von den Vorläufern bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Bd. 3. München, New Providence, London, Paris: Saur, S. 1565-1569.

Korn, G. (1897): Westphal, Karl. In: Allgemeine Deutsche Biographie. Band 42. Leipzig: Duncker & Humblot, S. 204-205.

Westphal, C. (1869): Die conträre Sexualempfindung. Symptom eines neuropathischen (psychopathischen) Zustandes. In: Archiv für Psychiatrie und Nervenkrankheiten 2, S. 73-108.

Westphal, C. (1872): Die Agoraphobie, eine neuropathische Erscheinung. In: Archiv für Psychiatrie und Nervenkrankheiten 3, S. 138-161.

Westphal, C. (1877): Ueber Zwangsvorstellung. In: Berliner klinische Wochenschrift 14, S. 669-672.

Westphal, C. (1877): Ueber die Verrücktheit (Referat). In: Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie und psychisch-gerichtliche Medicin 34, S. 252-267.

Westphal, A. (1892, Hg.): Carl Westphal’s Gesammelte Abhandlungen. 2 Bde. Berlin: Hirschwald.

 

Julian Schwarz

 

Foto: G. Engelbach (Lithograph) / Quelle: Wikimedia / gemeinfrei [public domain].

 

Zitierweise
Julian Schwarz (2015): Westphal, Carl Friedrich Otto.
In: Biographisches Archiv der Psychiatrie.
URL: www.biapsy.de/index.php/de/9-biographien-a-z/69-westphal-carl-friedrich-otto
(Stand vom:19.12.2018)