Lohse-Wächtler, Anna Frieda
1928
Nachname:
Lohse-Wächtler
Vorname:
Anna Frieda
Epoche:
20. Jahrhundert
Arbeitsgebiet:
Kunst
Geburtsort:
Löbtau
* 04.12.1899
† 31.07.1940

ZUSATZMATERIAL


Selbstbildnis 17. 2. 1929, Hamburg-Friedrichsberg, Bleistift, 37 x 24,5 cm.
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Expressionistische Malerin, Opfer der nationalsozialistischen „Aktion T4“.

 

Anna Frieda („Elfriede“) Lohse-Wächtler (1899-1940) wurde in Löbtau bei Dresden als Tochter von Adolf und Marie Wächtler in bürgerliche Verhältnissen geboren. Der Vater war kaufmännischer Angestellter und Versicherungsagent. Ebenso wie ihr jüngerer Bruder Hubert wurde sie musisch gefördert. Sie studierte ab 1915 Modedesign bei Margarete Junge an der Königlichen Kunstgewerbeschule in Dresden und suchte früh einen eigenen emanzipatorischen Weg. 1916 wechselte sie gegen den Willen ihrer Eltern das Fach zu „Angewandte Graphik“ bei Georg Oskar Erler, um freischaffende Künstlern zu werden und besuchte Kurse an der Dresdner Kunstakademie. Sie fand über die „Dresdner Sezession Gruppe 1919“ Anschluss an Kreise des Dadaismus und der Avantgarde um Otto Dix, Conrad Felixmüller, Oskar Kokoschka und Johannes Baader (Sondermann 2008, S. 47 f.). Die im Juli 1921 geschlossene Ehe mit dem Sänger Kurt Lohse (1892-1958) war schwierig, doch sie folgte ihm über Görlitz, wo sie am Stadttheater arbeitete, nach Hamburg. Ab 1925 wurde sie in Künstlergesellschaften aufgenommen und war künstlerisch ausgesprochen produktiv. Lohse-Wächtler malte im expressiv-realistischen Stil Motive aus dem Hamburger Arbeiter- und Außenseitermilieus sowie Selbstportraits. Der Hamburger Senat unterstützte sie, 1928 wurden Ihre Bilder erstmals und erfolgreich ausgestellt.

 

Behandlungen in Friedrichsberg und Arnsdorf

1929 erlitt sie in finanzieller und persönlicher Not einen Nervenzusammenbruch nach wiederholter Untreue ihres Mannes, der zudem ihre Einkünfte verschwendete (Sondermann 2008, S. 83 ff.). Auf Betreiben ihres Bruders und Johannes Baader verbrachte sie vom 4. Februar bis 30. März 1929 zwei Monate in der psychiatrischen Abteilung der Krankenanstalt Hamburg-Friedrichsberg. Die Ärzte diagnostizierten „Verdacht auf Schizophrenie“ bzw. „transistorische Psychose“. In der Anstalt schuf sie mit etwa sechzig Zeichnungen den bedeutenden Werk-Zyklus der „Friedrichsberger Köpfe", der auch Porträts von Mitpatienten umfasst (Brand-Claussen & Röske 2008; Scheffer 2008, S. 31 ff.). Nach der Entlassung konnte sie weiter ausstellen, die zeitgenössische Kritik nahm ihr Werk günstig auf (Banaschewski 1929; Bruns 2001). Dennoch lebte sie verarmt und zeitweilig obdachlos im Milieu von St. Pauli.

 

1931 kehrte sie in labiler Verfassung in ihr Elternhaus zurück, doch in der Familie wuchsen die Spannungen. Der Vater erkundigte sich in Friedrichsberg für eine Wiederaufnahme und 1932 ließ er sie nach der Behandlung einer Fußverletzung im Stadtkrankenhaus Dresden-Löbtau in eine geschlossene Abteilung der Heil- und Pflegeanstalt Arnsdorf einweisen. Sie fühlte sich dort abgeschoben und einsam, aber zeichnete und malte weiter. In Arnsdorf entstanden Patientenstudien und Szenen des Stationsalltags (Stiftung Sächsische Gedenkstätten 2000). 1932 war sie letztmalig an einer eigenen Ausstellung beteiligt.

 

Zwangssteriliserung und Ermordung

Die in Arnsdorf endgültig festgeschriebene Diagnose einer – angeblich unheilbaren – „Schizophrenie“ wurde ihr Schicksal. Ihr Mann ließ sich im Mai 1935 scheiden, daraufhin folgte die Entmündigung. Gegen den Widerstand des Vaters, dem erst jetzt Bedenken kamen, wurde 1935 auf Antrag der Anstalt nach dem nationalsozialistischen „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ eine Zwangssterilisierung vollzogen. Elfriede Lohse-Wächtler zerbrach an dieser Verletzung, sie zog sich zusehends zurück, zeichnete und malte weniger. Einem kurz vor Ihrer Ermordung gestellten Antrag der Eltern auf Urlaub entsprach die Anstalt nicht. Am 31. Juli 1940 wurde Elfriede Lohse-Wächtler in die Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein deportiert und kurz darauf in der Gaskammer umgebracht. Am 13. August 1940 erhielten die Eltern die auf den 12. August ausgestellte Todesnachricht mit gefälschten Angaben zur Todesursache. Der Vater bezeichnete daraufhin die Todesumstände in einem Schreiben an das Gesundheitsamt Dresden als Mord und wurde vorübergehend von der Gestapo verhaftet.

 

Späte Würdigung

Neun Werke von Elfriede Lohse-Wächtler wurden nach ihrer Beschlagnahmung in der Hamburger Kunsthalle und im Altonaer Museum 1937 in der Propaganda-Ausstellung „Entartete Kunst" gezeigt. Die Bilder sind heutzutage verschollen, ebenso wie viele Arbeiten aus ihrer Arnsdorfer Zeit. Ihr Werk geriet lange in Vergessenheit. Nach einer ersten Ausstellung 1959 wurde Lohse-Wächtler erst ab 1989 als bedeutende Vertreterin des deutschen Expressionismus öffentlich wahrgenommen und gewürdigt. Seither unterstützt der 1994 gegründete Förderkreis Elfriede Lohse-Wächtler e.V. die internationale Rezeption und die kunstwissenschaftliche Aufarbeitung ihres Werks. 1999 wurde eine Gedenkstele im Sächsischen Krankenhaus Arnsdorf aufgestellt und 2005 der wieder hergestellte Rosengarten des Allgemeinen Krankenhaus Hamburg-Eilbek nach ihr benannt. Eine Straße in Hamburg-Barmbek erhielt 2008 ihren Namen. 2012 ist für sie ein „Stolperstein“ in der Voglerstraße 15 in Dresden gesetzt worden.  Lohse-Wächtlers im Nachlass mit gut 400 Bildern erhaltenes Werk ist seit den neunziger Jahren in zahlreichen Ausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen gezeigt worden.

 

Literatur

Bake, R. (2015): Ein Gedächtnis der Stadt. Nach Frauen und Männern benannte Straßen, Plätze, Brücken in Hamburg. Bd 2. Hamburg: Landeszentrale für politische Bildung, S. 11-113

Banaschewski, A. (1929): Friedrichsberger Köpfe. Zeichnungen von Elfriede Lohse-Wächtler. In: Der Kreis 6, (5).   [wieder abgedruckt in: G. Reinhardt (1996; Hg.): Im Malstrom des Lebens versunken ... Elfriede Lohse-Wächtler. 1899-1940. Köln: Wienand, S. 275-277].

Blübaum, D., R. Stamm, U. Zeller (2008; Hg.): Elfriede Lohse-Wächtler. 1899–1940. Tübingen, Berlin: Wasmuth.

Böhm, B. (2009): Elfriede Lohse-Wächtler. 1899-1940. Eine Biografie in Bildern. Dresden: Sandstein.

Böhm, B. (2003): Ich allein weiß, wer ich bin. Elfriede Lohse-Wächtler 1899-1940. Ein biografisches Porträt. Hg. v. Kuratoriun Gedenkstätte Sonnenstein e .V. Pirna: Selbstverlag.

Brand-Claussen, B., T. Röske (2008): Zeichnen in der Anstalt. Elfriede Lohse-Wächtler in den Psychiatrien Hamburg-Friedrichsberg und Arnsdorf. In: D. Blübaum, R. Stamm, U. Zeller (2008; Hg.): Elfriede Lohse-Wächtler. 1899–1940. Tübingen, Berlin: Wasmuth, S. 66-95.

Bruhns, M. (2001): Kunst in der Krise. Bd. 1: Hamburger Kunst im Dritten Reich. Bd.2: Künstlerlexikon. Hamburg: Dölling und Galitz.

Heilemann, H. (2001): Elfriede Lohse-Wächtler – Dresdener Künstlerin, Arnsdorfer Patientin, ermordet auf dem Sonnenstein. In: W. Weig, H. Heilemann (Hrsg.): Gewalt gegen psychisch Kranke: gestern – heute – und morgen? Zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus unter den psychisch kranken und geistig behinderten Menschen. Regensburg: Roderer, S. 13-23.

Hyenen, R. (2015): Degeneration and Revolution. Radical Culture politics and the Body. Leiden: Brill.

Lutz, P. (2005): Lohse- Wächtler, Elfriede (1899 - 1940). In: G. L. Albrecht (Hg.): Encyclopedia of Disability, Bd. III. Thousand Oaks: Sage Publications, S. 1043-1044.

Peters, A., A. Smitmans (1996): Paula Lauenstein, Elfriede Lohse-Wächtler, Alice Sommer. Drei Dresdner Künstlerinnen in den zwanziger Jahren. Albstadt: Städtische Galerie.

Reinhardt, G. (1996; Hg.): Im Malstrom des Lebens versunken. Elfriede Lohse-Wächtler. 1899-1940. Leben und Werk. Köln: Wienand.

Salsbury, B. L. (2008): Elfriede Lohse-Wächtler: A Feminist View of Weimar Culture. In: Woman's Art Journal 29, (2), S. 23-30.

Scheffer, S. (2008): Die "verschollene Generation". Elfriede Lohse-Wächtler und Erna Schmidt-Caroll. Zwei Künstlerinnen zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Saarbrücken: VDM.

Sondermann, R. (2008): Kunst ohne Kompromiss. Die Malerin Elfriede Lohse-Wächtler. 2., überarb. Aufl. Berlin: Edition Weißensee.

Stiftung Sächsische Gedenkstätten zur Erinnerung an die Opfer politischer Gewaltherrschaft (2000, Hg.): " ... das oft aufsteigende Gefühl des Verlassenseins." Arbeiten der Malerin Elfriede Lohse-Wächtler in den Psychiatrien von Harnburg-Friedrichsberg (1929) und Arnsdorf (1932-1940) Dresden: Verlag der Kunst Dresden.

Von der Dollen, I. (2000): Malerinnen des 20. Jahrhunderts. Bildkunst der „verschollenen Generation“. München: Hirmer.

 

Andreas Spengler, Burkhart Brückner

 

Foto: Aus dem Jahr 1928, am Kachelofen. Mit freundlicher Genehmigung, Nachlass Elfriede Lohse-Wächtler, Privatbesitz Hamburg; Copyright.

 

Zitierweise
Andreas Spengler, Burkhart Brückner (2016): Lohse-Wächtler, Anna Frieda.
In: Biographisches Archiv der Psychiatrie.
URL: www.biapsy.de/index.php/de/9-biographien-a-z/251-lohse-waechtler-anna-frieda
(Stand vom:16.12.2018)