Nachname:
Spann
Vorname:
Paul
Epoche:
20. Jahrhundert
Arbeitsgebiet:
Sonstige
Geburtsort:
Berlin (DEU)
* 03.11.1907
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Berliner Heim- und Anstaltsinsasse.

 

Paul Spann (1907 - ?) wuchs im Berliner Stadtteil Wedding als Sohn von Robert Spann mit seinen zwei Geschwistern und der Mutter in proletarischen Verhältnissen auf. Seine Eltern hatten nur selten regelmäßige Arbeit. Paul Spanns Vater trank und seine Mutter forderte ihre Kinder auf, Zeitung auszutragen, um die Familie zu unterstützen. Über den Vater erzählte Spann später: „Vater war verwundet gewesen und wurde als Kriegskrüppel angesehen. Dann wurde er abgefunden. … Der hat nie lange gearbeitet. Der war fast nie zu Hause, und wenn er mal zuhause war, dann war er pleite.“ (zit. nach Preuß & Spann 1989, S. 16).

 

Heimerziehung

Mit zwölf Jahren wurden Paul Spann und seine Geschwister von der Polizei in das 1898 gegründete  (Zwangs-) Erziehungsheim „Am Urban“ in Berlin-Zehlendorf gebracht. Die Jugendfürsorge begründete dies wie folgt: „Die Erziehungsweise seitens der Eltern ist im höchsten Grade mangelhalft und unvollständig. Der Vater sowie die Mutter sind täglich außer Haus beschäftigt und kümmern sich um den Knaben so gut wie gar nicht. Die häuslichen Verhältnisse sind nicht die besten, da die Mutter sich anscheinend nicht viel aus der Häuslichkeit macht und dementsprechend auch die ganze Inneneinrichtung schmutzig und unordentlich ist. Um der ganzkörperlichen und geistigen Verwahrlosung entgegenzutreten, wäre die sofortige auswärtige Unterbringung dringend erforderlich.“ (zit. nach Preuß & Spann 1989, S. 25).

 

Die Intervention wurde im medizinischen Gutachten vom 2. Juli 1918 bestätigt: „Der Junge ist erheblich psychopathisch, außerdem intellektuell ziemlich zurückgeblieben, ist leicht erregbar, wütend, schlägt um sich, sehr empfindlich, beleidigt, ängstlich, auf der Straße fängt er an, sich zu graulen, zu Besorgungen ist er unbrauchbar, verliert das Geld, vergißt, was er holen soll, ist aber durchaus willig und gehorsam und bereitet keine großen Erziehungsschwierigkeiten. … Prof. C. rät zu Beobachtungen in einem Heim, um zu sehen, wie das Kind sich in völlig veränderter Umgebung führt und welchen Eindruck es dort macht. Vielleicht wäre dann als weitere Maßnahme Unterbringung in einer Landstelle zu überlegen.(zit. nach Preuß & Spann 1989, S. 25). Am 22. November wurde ein gerichtlicher Beschluss zur dauerhaften Fürsorgeerziehung rechtskräftig: „Der Knabe muß in eine andere Umgebung, am besten in ein Heilerziehungsheim kommen. Da private Mittel hierzu nicht zur Verfügung stehen, muß die Fürsorge-Erziehung Platz greifen.“(zit. nach Preuß & Spann 1989, S. 269).

 

Am 25. März 1919 wurde Spann in das Erziehungsheim Waldhof in Templin gebracht. Dort wurde er als schwächlicher Junge beschrieben, der die zweite Klasse der Hilfsschule besuchte. Spanns Vater stellte einen Antrag auf Entlassung, diesem wurde jedoch nach mehreren Überprüfungen und Rückfragen seitens der Polizei und des Jugendamtes nicht stattgegeben. Am 2. März 1925 wurde Paul Spann dem Erziehungsheim Tannenhof in Berlin-Lichtenrade zugeführt. Der Grund dieser Verlegung blieb unklar. Schon am 14. Juni 1926 wurde Spann erneut verlegt, nun auf den Bauernhof von Pauline S. in Oelsen bei Grunow (Niederlausitz). Er arbeitete dort hart und erhielt acht Mark Monatslohn, Kost und Logis. Nach über fünf Jahren konnte er zu seiner Familie zurückkehren.

 

Lebenslang in der Klinik

Am 28. April 1941 wurde Paul Spann in Berlin in die Wittenauer Heilstätten eingeliefert, da  Suizidgefahr und eine „Geistesstörung“ vermutete wurde (Preuß & Spann 1989, S. 47). Der behandelnde Arzt schrieb in der Epikrise vom 8. Dezember 1941:„Paul Spann ist ein angeborener Schwachsinniger mit schizophrenen Einstellung, der unter das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses fällt. Anfang 1942 wechselte der zuständige Stationsarzt und entließ Paul Spann. Knapp 6 Wochen später, am 30. März 1942 wies ihn der Hausarzt erneut mit der Diagnose „Schizophrenie“ ein. Am 9. April 1942 wurde Paul Spann in das Haus 7 der Wittenauer Heilstätten verlegt. 1947 scheiterte ein Versuch, ihn in Pflege zu geben.

 

1951 ist in den Akten erstmals eine Einverständniserklärung zum Aufenthalt dokumentiert, Spann wünsche „in der Anstalt zu bleiben“ (Preuß & Spann 1989, S. 53). 1955 starb die Mutter an einem Schlaganfall. Noch jahrelang arbeitete Paul Spann in der Landwirtschaft in der Nähe von Berlin und bis 1965 auch im Haus eines Oberpflegers der Klinik, die 1957 in Karl-Bonhoeffer-Heilstätten umbenannt worden war. Ab 1970, zur Zeit der beginnenden Psychiatriereform in Deutschland, arbeitete er überwiegend als angeblich „enorm fleißiger“ Küchen- und Stationshelfer. Er hatte sich mit dem Lebensmittelpunkt in der Klinik arrangiert und teilte sich ein Zimmer mit einem Mitpatienten. 1983 erhielt er einen eigenen Wohnbereich und verließ 1984 nach 42 Jahren erstmals die nähere Umgebung von Berlin für einen betreuten Urlaub im Harz. Weitere Reisen führen an den Bodensee oder nach Sylt. Spanns Vater lebte bis 1970, danach brach auch der Kontakt zur Schwester ab.

 

Wende in die Öffentlichkeit

1988 ergab sich eine Wende, nachdem Eva Preuß, Professorin für Sonderpädagogik an der Freien Universität Berlin, den Klinikalltag mit Studenten dokumentierte. Sie erwarb das Vertrauen von Paul Spann und besuchte mit ihm die Orte seiner Kindheit und Jugend. Spann begann daraufhin, seine Lebenserinnerungen aufzuzeichnen. 1986 produzierte Preuß eine Videobiographie und am 3. November 1987, an Spanns 80. Geburtstag, wurde in der Klinik eine Foto-Ausstellung über sein Leben eröffnet. Die Berliner Presse berichtete und das Bezirksamt verfügte am 23. Dezember die Aufhebung der Amtspflegschaft. In einem Interview erklärte Spann: ,,Ich hab' schon zu ihnen gesagt, sie sollen mich nicht wegschicken, und die haben auch versprochen, mich zu behalten." (zit. nach Loff 1989). Eva Preuß veröffentlichte 1989 zusammen mit Paul Spann die Geschichte seines Lebens und ihrer Begegnungen in dem Buch „… und dann bin ich weggekommen... Paul Spann – Skizze eines Lebens.

 

Paul Spanns Lebensgeschichte steht stellvertretend für Schicksale von Patienten aus der Vorkriegs- und Nachkriegszeit, die über Jahrzehnte hospitalisiert blieben. Nur wenige sind dokumentiert (z. B. Conti 1978; vgl. auch Freundeskreis Paul Brune 2007). Die Besonderheit von Spanns Wissen liegt in seiner psychiatriehistorischen Zeitzeugenschaft und dem Rehabiliationsprozess samt der Revision seiner Schizophrenie-Diagnose. Aus der Wahrheit seiner Biographie ergab sich – wie Eva Preuß schrieb (Preuß & Spann 1989, S. 110) – ein Stück „Sozialgeschichte aus der Sicht eines Betroffenen“.

 

­­­­­­­­­­­­­­­­­­­Literatur

Arbeitsgruppe zur Erforschung der Geschichte der Karl- Bonhoeffer-Nervenklinik (1989): Totgeschwiegen, 1933-1945. Die Geschichte der Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik. Berlin: Edition Hentrich.

Conti, A. (1978): Im Irrenhaus. Sehr geehrter Herr Doktor. Dies ist mein Leben. Frankfurt am Main: Neue Kritik 1979.

Freundeskreis Paul Wulf (2007, Hg.): Lebensunwert? Paul Wulf und Paul Brune. NS-Psychiatrie, Zwangssterilisierung und Widerstand. Nettersheim: Verlag Graswurzelrevolution.

Hinz-Wessels, A. (2007): "Skandal im Erziehungsheim".  Heinrich Grüber und der Fall Waldhof-Templin. In: Zeitschrift für Kirchengeschichte 118, (1), S. 45-80.

Loff, B. (1989): Weil er in der Schule schlief: Lebenslang. Ein alter Mann saß ohne Grund 72 Jahre in der Nervenklinik. In: AZ magazin, 22. Februar 1989, S. 4.

Preuß, E., P. Spann (1989): …und dann bin ich weggekommen… Paul Spann -  Skizze eines Lebens. Unter Mitarbeit von Bärbel Starkmann. Berlin: Jonathan-Verlag.

Klein, F. (1999): Zur Lebensgeschichte in der Arbeit mit behinderten Menschen unter der Perspektive des Sinns. In: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft Nr. 6 / 1999: Graz: Reha Druck.

Stoffels, H. (Hg.,1991): Schicksale der Verfolgten. Psychische und somatische Auswirkungen von Terrorherrschaft. Berlin, Heidelberg: Springer.

 

Jessica Thönnissen, Burkhart Brückner

 

Zitierweise
Jessica Thönnissen, Burkhart Brückner (2015): Spann, Paul.
In: Biographisches Archiv der Psychiatrie.
URL: www.biapsy.de/index.php/de/9-biographien-a-z/208-spann-paul
(Stand vom:19.12.2018)