Kandinsky, Viktor Krisanfowitsch
Nachname:
Kandinsky
Vorname:
Viktor Krisanfowitsch
Epoche:
19. Jahrhundert
Arbeitsgebiet:
Psychiatrie
Geburtsort:
Biankin (RUS)
* 24.03.1849
† 03.07.1889
Biographie drucken

Russischer, psychoseerfahrener Psychiater.

 

Viktor Kandinsky (1849-1889) wurde im südsibirischen Biankin geboren und wuchs in einer großen, wohlhabenden Unternehmer-Familie auf. Als Psychiater leistete er bahnbrechende Forschungen zur Psychopathologie der Halluzinationen (u. a. zur Unterscheidung von Pseudohalluzinationen und Halluzinationen) und untersuchte die Einflussmöglichkeiten von Patienten zur Bewältigung halluzinativer Erfahrungen.

 

Lebensweg

Kandinsky, ein Cousin des Malers Wassily Kandinsky, studierte ab 1867 Medizin in Moskau und war dort seit 1872 als Arzt im Wremenaja Hospital tätig. Zwischen 1876 und 1879 arbeitete er als Marinearzt auf russischen Kriegsschiffen, unter anderem während des russisch-osmanischen Krieges 1877/78. Im Mai 1877 und Oktober 1878, während des Krieges, erfolgte jeweils eine stationär-psychiatrische Behandlung in einem St. Petersburger Militärhospital aufgrund einer psychotischen Störung. Nach dem ersten Klinikaufenthalt heiratete eine deutschstämmige Krankenschwester, die er in der behandelnden Klinik kennenlernte. Kandinsky gehörte zu den Gründern der Moskauer Medizinischen Gesellschaft und übernahm 1881 eine Stelle als Krankhausarzt im St. Petersburger St. Nikolaus Hospital, wo er zu psychopathologischen, nosologischen und forensischen Fragestellungen forschte und publizierte. 1883 erlitt er einen erneuten Zusammenbruch, erholte sich aber nicht vollständig und litt weiterhin an Depressionen. 1887 wurde er zum Sekretär des ersten russischen Psychiatrie-Kongresses gewählt. 1889 konsumierte er in einer depressiven Episode Opium und verstarb im Alter von vierzig Jahren an einer Überdosis in St. Petersburg.

 

Werk und Wirkung: Theorie der Halluzinationen

Seine psychotischen Erfahrungen publizierte Kandinsky zunächst auf russisch (1880), und dann unter dem Titel Zur Lehre von den Hallucinationen auch auf deutsch (1881). In dem Text schilderte er seine Gewöhnung an halluzinative Erfahrungen, von denen er sich aber zunehmend ablenken konnte, bis er sie schließlich als irreal klassifizierte. Diesen Prozess forcierte er durch intensive geistige Tätigkeit (Kandinsky 1881, S. 461 f.). Die in den Selbstreflexionen bereits angelegte Unterscheidung von Halluzinationen und Pseudohalluzinationen benannte Kandinsky trennscharf in den 1885 erschienenen Kritische und klinische Betrachtungen im Gebiete der Sinnestäuschungen. Sie gelten als klassisches Werk der Erforschung halluzinativen Erlebens (Spitzer 1987). Kandinsky erklärte, Theodor Meynert folgend, die halluzinative Erfahrung aus dem Missverhältnis „einer Überempfindlichkeit der Sinnesnerven bei gleichzeitiger Schwäche der hemmenden Vorderhirnleistungen“ (Brückner 2007, S. 148). Kandinskys Witwe gab 1890 den wissenschaftlichen Nachlass heraus, darin beschrieb Kandinsky wiederum anhand eigener Erfahrungen ein wahnhaftes Syndrom, das nach ihm und dem französischen Mediziner Gaëtan Gatian de Clerambault (1872–1934) benannt worden ist („Kandinsky-Clérambault-Syndrome“, vgl. Lerner, Kaptsan & Witztum 2003).

 

Literatur

Brown, J. V. (1994): Heroes and non heroes. Recurring themes in the historiography of Russian-soviet Psychiatry. In: S. Micale, R. Porter (Hg.): Discovering the History of Psychiatry. New York: Oxford University Press, S. 297-310.

Brückner, B. (2007): Delirium und Wahn. Geschichte, Selbstzeugnisse und Theorien von der Antike bis 1900. Bd. 2. 19. Jahrhundert – Deutschland. Hürtgenwald: Pressler.

Kandinsky, V. (1881): Zur Lehre von den Hallucinationen. In: Archiv für Psychiatrie und Nervenkrankheiten 11, S. 453-464.

Kandinsky, V. (1885): Kritische und klinische Betrachtungen im Gebiete der Sinnestäuschungen. Berlin: Friedländer.

Lerner; V., E. Witztum (2003): Victor Kandinsky, MD. Psychiatrist, researcher and patient. In: History of Psychiatry, 14, S. 103-111.

Lerner, V., A. Kapstan, E. Witztum (2003): Kandinsky-Clerambault's Syndrome: concept of use for Western psychiatry. In: The Israel journal of psychiatry and related sciences 40, (1), S. 40-46.

Lerner; V., E. Witztum (2006): Victor Kandinsky, M.D., 1849-1889. In: American Journal of Psychiatry, 163, S. 209.

Lerner, V., J. Margolin, E. Witztum (2012): Victor Kandinsky (1849-89). A pioneer of modern Russian forensic psychiatry. In: History of Psychiatry 23, (2), S. 216-228.

Schmidt-Degenhard, M. (1992): Die oneiroide Erlebnisform. Zur Problemgeschichte und Psychopathologie des Erlebens fiktiver Wirklichkeiten. Berlin: Springer.

Spitzer, M. (1987): Pseudohalluzinationen. In: Fortschritte der Neurologie und Psychiatrie 55, (3), S. 91-97.

Zilboorg, G. (1943): Russian psychiatry – its historical and ideological background. In: Bulletin of the New York Academy of Medicine 19, (October), S. 713-728.

 

Catharina Bonnemann

 

Foto: unknown) / Quelle: Wikimedia / gemeinfrei [public domain].

 

Zitierweise
Catharina Bonnemann (2015): Kandinsky, Viktor Krisanfowitsch.
In: Biographisches Archiv der Psychiatrie.
URL: www.biapsy.de/index.php/de/9-biographien-a-z/183-kandinsky-viktor-krisanfowitsch
(Stand vom:24.04.2017)