Klingebiel, Julius
Um 1954
Nachname:
Klingebiel
Vorname:
Julius
Epoche:
20. Jahrhundert
Arbeitsgebiet:
Kunst
Geburtsort:
Hannover (DEU)
* 11.12.1904
† 26.05.1965
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Anstaltsinsasse und Künstler.

 

Julius Klingebiel (1904-1965) wurde als Sohn eines Postbeamten in Hannover geboren. Über seine Jugend ist kaum etwas bekannt. Er arbeitete als Schlosser bei der Wehrmacht und war SA-Mitglied. 1935 heirate er seine Frau Louise, das Paar erzog einen Stiefsohn. Nach Aktenlage habe Klingebiel sich ab Anfang Oktober 1939 verfolgt gefühlt und Nachbarn und Familie bedroht. Seinen Stiefsohn soll er tätlich angegriffen haben. Daraufhin wurde er am 3. Oktober als „gemeingefährlicher Geisteskranker“ in die Nervenklinik Hannover-Langenhagen eingewiesen. Am 28. Oktober verlegte man ihn mit der Diagnose Schizophrenie in die Provinzial-Heil- und Pflegeanstalt Wunstorf (Spengler & Reiter 2013, S. 51 f.). Dort wurde er am 26. Juli 1940 nach dem nationalsozialistischen Gesetz zur Verhütung erbranken Nachwuchses zwangssterilisiert und am 9. August in das Verwahrungshaus der Provinzialheil- und Pflegeanstalt Göttingen verlegt. Klingebiel wurde 1940 seitens der Klinik in einem Meldebogen der Aktion T4 aufgeführt, dennoch wurde er nicht deportiert und überlebte die NS-Zeit. Etwa 1951 wurde er in das Verwahrungshaus zurückverlegt und blieb dort bis 1963 in der Zelle Nr. 117 eingeschlossen. Eine richterliche Anhörung fand nicht statt (Spengler & Reiter 2013, S. 66).

 

Zwischen 1951 und 1963 entstanden Klingebiels künstlerische Arbeiten, darunter achtzehn Einzelbilder in Wasserfarbe, sowie die vollständige, bis heute erhaltene Bemalung der Wände seiner nur 9,25 qm großen Zelle im Göttinger Verwahrungshaus. Die gemalten Landschaften, Personen und Tiere interpretierte Thomas Röske (2013, S. 28) teils als Kommentare zum Zeit­geschehen (militaristische und technische Motive) und teils als Referenzen an die Natur­- und Porträtmalerei. Sie seien symbolische Vermittlungsangebote, die das erlittene Schicksal des Malers kompensiert haben könnten. Klingebiels künstlerische Produktivität versiegte, nachdem er 1960 mit neu eingeführten Medikamenten (Neuroleptika) behandelt wurde und daraufhin als ruhiger galt. Seine Arbeiten wurden von einigen Anstaltsärzten, Pflegekräften und dem Göttinger Psychopathologen Hemmo Müller­-Suur (1911-2001) gefördert. Julius Klingebiel starb im Mai 1965 in Göttingen.

 

Die künstlerischen Arbeiten von Julius Klingebiel werden seit 2010 breiter rezipiert. In der Ausstellung Elementarkräfte wurden 2010 erstmals Werke von Klingebiel in Hannover vorgestellt. Eine begehbare fotografische Reproduktion der Zelle wurde in mehreren Ausstellungen gezeigt (u.a. 2016 Bremen und Wunstorf, 2015 Hannover, 2014 Berlin, 2013 Göttingen;). Das Land Niedersachen ließ die Zellenbemalung 2012 als bedeutendes Kulturdenkmal schützen.

 

Literatur

Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen (2014; Hg.): Ausbruch in die Kunst. Julius Klingebiel. Zelle Nr. 117. Katalog anlässlich der Ausstellung im Kleisthaus, Berlin 16.10.-21.11.2014

Finzen, A. (1983): Auf dem Dienstweg. Die Verstrickung einer Anstalt in die Tötung psychisch Kranker. Rehburg-Loccum: Psychiatrie.

Koller, M., D. Hesse (2013): Die Klingebiel-Zelle im historischen Kontext der Klinik. In: A. Spengler, M. Koller, D. Hesse (Hg.): Die Klingebiel-Zelle. Leben und künstlerisches Schaffen eines Psychiatriepatienten. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, S. 97-108.

Meyer, L. (1891): Die Provinzial-Irrenanstalt zu Göttingen. Zur Erinnerung an ihre Eröffnung vor 25 Jahren. Mit eingedruckten Abbildungen und einem Lageplan der Anstalt. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Reiter, R. (1997): Psychiatrie im Dritten Reich in Niedersachsen. Eine Dokumentation. Hannover: Hahn’sche.

Röske, T. (2008): Die Psychose als Künstler. Leo Navratils „Schizophrenie und Kunst“ – Eine Kritik. In: G. Theunissen (Hg.): Außenseiter-Kunst. Bad Heilbrunn: Klinkhardt, S. 103-117.

Röske, T. (2013): Zwischen Hirschen und Mega-Wappen. Die Wandmalereien von Julius Klingebiel. In: A. Spengler, M. Koller, D. Hesse (Hg.): Die Klingebiel-Zelle. Leben und künstlerisches Schaffen eines Psychiatriepatienten. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, S. 13-35.

Rüsch, E., K. Klein (2014):Die Klingebiel-Zelle im Festen Haus Göttingen – Vorbericht zu einer Gefängniszelle als Kulturdenkmal. Berichte zur Denkmalpflege in Niedersachsen Jg. 34 (4): S. 163-166.

Spengler, A. (2016): Julius Klingebiel und seine Zelle - Ein neues Kapitel in der psychiatrischen Kunstgeschichte. In: M. Bogaczyk-Vormayr, O. Neumaier (Hg.): „Outsider Art“. Interdisziplinäre Perspektiven der Art Brut [im Druck].

Spengler, A. (2010): Elementarkräfte. Schaffen und Werk psychiatrieerfahrener Künstler über 100 Jahre. Bonn: Psychiatrie-Verlag.

Spengler, A., M. Koller, D. Hesse (Hg.) (2013): Die Klingebiel-Zelle. Leben und künstlerisches Schaffen eines Psychiatriepatienten. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Spengler, A., R. Reiter (2013): Julius Klingebiel. Patientenschicksal und Künstlerbiographie. In: A. Spengler, M. Koller, D. Hesse (Hg.): Die Klingebiel-Zelle. Leben und künstlerisches Schaffen eines Psychiatriepatienten. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, S. 49-71.

Sueße, T., H. Meyer (1988): Abtransport der „Lebensunwerten“. Die Konfrontation niedersächsischer Anstalten mit der NS-„Euthanasie“. Hannover: Verlag für Ethnologie.

Zimmermann, V. (2007): Leiden verwehrt Vergessen. Zwangsarbeit in Göttingen und ihre medizinische Versorgung in den Universitätskliniken. Göttingen: Wallstein.

 

Weblinks

http://www.elementarkraefte.de

http://www.julius-klingebiel.de

 

Robin Pape, Andreas Spengler

 

Foto: Julius Klingebiel in seiner Zelle, um 1954. Asklepios Fachklinikum Göttingen, Copyright.

 

Zitierweise
Robin Pape, Andreas Spengler (2016): Klingebiel, Julius.
In: Biographisches Archiv der Psychiatrie.
URL: www.biapsy.de/index.php/de/9-biographien-a-z/167-klingebiel-julius
(Stand vom:19.12.2018)