Emminghaus, Hermann
Nachname:
Emminghaus
Vorname:
Hermann
Epoche:
19. Jahrhundert
Arbeitsgebiet:
Medizin
Psychiatrie
Kinder- und Jugendpsychiatrie
Geburtsort:
Freiburg im Breisgau (DEU)
* 20.05.1845
† 17.02.1904
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Pionier der Kinder- und Jugendpsychiatrie im 19. Jahrhundert.

 

Hermann Emminghaus (1845-1904) wurde am 20. Mai 1845 als Sohn des Großherzoglichen Sächsischen Rates und Kammerkommissionssekretärs Alexander Emminghaus und dessen Frau Minna Emminghaus geboren. Er wuchs zusammen mit seiner Schwester Luise in Weimar auf, legte dort am 5. April 1865 das Abitur ab und begann anschließend in Göttingen ein Medizinstudium. Weitere Studienorte waren Göttingen Wien, Leipzig und Jena, wo er am 7. Juni 1870 mit dem Thema Über hysterisches Irresein promovierte. Er heiratete 1874 Ottilie Hedwig Julie Amalie Emminghaus, geb. Boethlingk, aus St. Petersburg und bekam mit ihr zwei Töchter (Margarethe, geb. 1877; Katharina, geb. 1882) und zwei Söhne (Bernhard, geb. 1880; Gerold, geb. 1889) (vgl. Castell 2003, S. 411; Reichert 1989; Hoche 1935).

 

Beruflicher Werdegang

Emminghaus arbeitete ab 1869 in der Landes-Irren Heil- und Pflegeanstalt Jena sowie als Assistenzarzt bei Carl Gerhardt (1833-1902) in der Medizinischen Klinik Jena, bevor er 1870 für drei Monate in einem chirurgischen Lazarett in Weimar eingesetzt wurde. 1873 ging er nach Leipzig an das Physiologische Institut unter Carl Ludwig (1816-1895). Noch im gleichen Jahr ließ er sich als praktischer Arzt in Würzburg nieder und habilitierte sich zum Thema Über die Abhängigkeit der Lymphabsonderung vom Blutstrom. Emminghaus lehrte an der Universität Würzburg unter Franz v. Rinecker (1811-1883) innere Medizin und Psychiatrie, arbeitete Ende 1879 für Georg Ludwig (1826-1910) an der Irrenanstalt in Heppenheim und folgte 1880 einem Ruf auf den neu eingerichteten Lehrstuhl für Psychiatrie an der Universität Dorpat in Estland. 1886 wurde Hermann Emminghaus, nachdem Richard v. Krafft-Ebing (1840-1902) den Ruf abgelehnt hatte, als erster Inhaber des Lehrstuhls für Psychiatrie an die Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg berufen. Ein Jahr später eröffnete er eine neue Klinik in Freiburg, in der u. a. das Non-restraint-System etabliert wurde. Sein Nachfolger in Freiburg, Alfred Hoche (1865-1943; 1935, S. 316), beschrieb ihn als einen „wahrhaftigen“ und „gütigen“ Arzt, aber im zunehmenden Lebensalter auch als besonders empfindsamen, „selbstkritischen“ und „ängstlichen“ Mann. Pfister (1904, S. 455 f.) hob sein „phänomenales Gedächtnis“ und sein „reiches“, gründliches Wissen hervor.

 

Werke

Emminghaus trat für die Gründung von Instituten und Heimen für „sittlich gefährdete“ Kinder ein und kritisierte Kinderarbeit. Bereits 1870 befasste er sich in seiner Dissertation mit entwicklungspsychologischen und pädagogischen Konzepten. In seinem Lehrbuch Allgemeine Psychopathologie zur Einführung in das Studium der Geistesstörungen von 1878 führte er die Kategorie „Psychopathologie“ systematisch ein und verstand diese als Einleitung in die klinische Psychiatrie, denn „… der Psychiatrie im engeren Sinne, geht eine allgemeine Psychopathologie voraus, welche ohne Rücksicht auf die Erscheinungen, Ursachen etc. des einzelnen Krankheitsbildes die Lehre vom gestörten Seelenleben überhaupt behandelt.“ (1878, S. 1). Werner Leibbrand (1959, S. 486) bemerkte dazu, Emminghaus sei ein „Vertreter einer naturwissenschaftlich begründeten Psychologie, die wesentlich Hirnphysiologie bedeutet; Psychopathologie bedeutet ihm pathologische Physiologie der Hirnrinde.“ Emil Kraepelin soll (1866-1926) ganze Passagen aus dem Buch von Emminghaus (1878) für sein Compendium der Psychiatrie von 1883 übernommen haben (Castell 2003, S. 417; vgl. Hoche 1935, S. 316). Das wohl wichtigste Werk von Emminghaus ist die 1887 erschienene, erste deutschsprachige Überblicksarbeit über Die psychischen Störungen des Kindesalters. Anhand von klinischen Beobachtungen behandelte er die Störungsbilder des jeweiligen Altersabschnittes und gilt damit als der Begründer der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Deutschland (Rey et al. 2015, S. 48). In J. Maschkas Handbuch der gerichtlichen Medizin veröffentlichte er 1881/82 umfangreiche Beiträge über Kinder und Unmündige sowie Schwachsinn und Blödsinn.

 

Lebensende und Nachwirkung

Laut Einträgen in der Familienchronik Emminghaus (Hass 2008, S. 14) soll Hermann Emminghaus nach Aufzeichnungen seiner Frau Ottilie „etwa ab 1899/1900 an Depressionen“ gelitten haben und „deswegen zeitweilig stationär untergebracht“ worden sein. Pfister (1904, S. 457) berichtet, dass er „auf seinem Posten schließlich erschöpft zusammenbrach.“ Als Alfred Hoche (1924, S. 231 ff.) eine progrediente arteriosklerotische Hirnerkrankung feststellte, wurde Emminghaus zunächst am 24. Oktober 1900 beurlaubt und 1902 in den Ruhestand versetzt. Er starb am 17. Februar 1904 im Alter von 58 Jahren in Freiburg an einer Lungenentzündung.

 

Karl Jaspers (1946/1965, S. 34) verwies in seiner Allgemeinen Psychopathologie im Rückblick auf seine Vorgänger auch auf Emminghaus: „Als meine Psychopathologie zum ersten Male erschien (1913), gab es die Bücher von Emminghaus und Störring (…). Der Vorzug des Buches ist die dem Mediziner geläufige Art des Gesamtüberblickes, wodurch aber der Abgrund, der immer die Psychiatrie von allen anderen klinischen Fächern trennt, verwischt wird (…). Ein Vorzug ist die ansprechende, durchweg anschauliche Darstellung, die reichen Literaturangaben, die das Werk noch heute zum Nachschlagen geeignet machen (…). Ein Vorzug sind auch die weiten Perspektiven (z. B. in die Völkerpsychologie), die trotz des medizinischen Rahmens möglich bleiben und aus der alten psychiatrischen Bildung kamen (…). Die Art der medizinischen Anordnung, wie sie Emminghaus anwendete ist, wie sie vorher gebraucht wurde, auch weiter in den allgemeinen Teilen der psychiatrischen Lehrbücher üblich geblieben.“

 

Seit 1984 wird der von einer privaten Stiftung getragene Hermann-Emminghaus-Preis in Zusammenarbeit mit der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie und dem Pharmakonzern Lilly Deutschland an deutschsprachige Forscher verliehen, die mit Forschungsarbeiten zur Kinder- und Jugendpsychiatrie hervorgetreten sind.

 

Auszeichnungen

1881 St. Stanislaus-Orden, II. Kl.

1899 Rang eines großherzoglich-badischen Hofrates.

1902 Träger des Ritterkreuzes I. Kl., mit Eichenlaub des Ordens Vom Zähringer Löwen.

 

Literatur

Castell, R. (2008, Hg.): Hundert Jahre Kinder- und Jugendpsychiatrie. Biographien und Autobiographien. Göttingen: V&R Unipress.

Castell, R., J. Nedoschill, M. Rupps, D. Bussiek (2003): Geschichte der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Deutschland in den Jahren 1937 bis 1961. Göttingen: Vandenhoek & Ruprecht.

Emminghaus, H. (1870): Über hysterisches Irresein. Ein Beitrag zur Pathogenese der Geisteskrankheiten. Jena: Frommann.

Emminghaus, H. (1870/71): Über Rubeolen. In: Jahrbuch für Kinderkrankheiten 4, S. 47-59.

Emminghaus, H. (1870/71a): Ein Fall von epilepsieartigen Convulsionen, such Expriment erzeugbar bei einem anämischen Kinde. In: Jahrbuch für Kinderkrankheiten 4, S. 392-298.

Emminghaus, H. (1874): Wirkungen der Galvanisation am Kopfe bei Aphonie, nachgewiesen am Bilde der empfindlichen Flamme. In: Archiv für Psychiatrie und Nervenkrankheiten 4, S. 559-573.

Emminghaus, H. (1874a): Über epileptoide Schweisse. In: Archiv für Psychiatrie und Nervenkrankheiten 4, S.574-578.

Emminghaus, H. (1877): Meningitis cerebrospinalis epidemica. In: C. Gerhardt (Hg.): Handbuch der Kinderkrankheiten. 2. Bd., Krankheiten der Neugeborenen. Allgemeinerkrankungen, erster Theil. Tübingen: Verlag der H. Lauppschen Buchandlung, S. 467-538.

Emminghaus, H. (1877): Rötheln, Rubeola, Roseola epidemica. In: C. Gerhardt (Hg.): Handbuch der Kinderkrankheiten. 2. Bd., Krankheiten der Neugeborenen. Allgemeinerkrankungen, erster Theil. Tübingen: Verlag der H. Lauppschen Buchandlung, S. 334-353.

Emminghaus, H. (1878): Allgemeine Psychopathologie zur Einführung in das Studium der Geistesstörungen. Leipzig: Vogel.

Emminghaus, H. (1878a): Lyssa humana. In: C. Gerhardt (Hg.): Handbuch der Kinderkrankheiten. 3. Bd., erste Haelfte. Allgemeinerkrankungen, zweiter Theil. Tübingen: Laupp, S. 365-382.

Emminghaus, H. (1880): Über den Wert und die Tragweite des klinischen Unterrichts in der Psychiatrie. Festrede zur Jahresfeier der Stiftung der Universität Dorpat am 12.12.1880. In: Petersburger Medizinische Zeitung 6, S. 313 und 321.

Emminghaus, H. (1887): Die psychischen Störungen des Kindesalters. (Handbuch der Kinderkrankheiten. Nachtrag II). Tübingen: Laupp.

Emminghaus, H. (1895): Behandlung des Irreseins im Allgemeinen. In: F. Pentzoldt, R. Stintzing (Hg.): Handbuch der speciellen Therapien innerer Krankheiten. Abt. IX, Bd. VI. Jena: Fischer, S. 203-279.

Gerhard, U.-J., B. Blanz (2003): Anmerkungen zum Titelbild, Hermann Emminghaus (1845–1904). In: Der Nervenarzt 74, (1), S. 91-93.

Hass, R. (2008): Familienchronik Emminghaus. URL: http://www.emminghaus-familie.de/Familienchronik.pdf [abgerufen am 6. 9. 2016].

Hoche, A. (1924): Hermann Emminghaus. In: T. Kirchhoff (Hg.): Deutsche Irrenärzte. Bd. 2. Springer: Berlin, S. 231-233.

Hoche, A. (1935): Hermann Emminghaus. In: Badische Biographien, Teil IV. Heidelberg: Kohlhammer, S. 315-317.

Harms, E. (1960): At the cradle of child psychiatry. Hermann Emminghaus‘ Psychische Stoerungen des Kindesalters (1887). In: American Journal of Orthopsychiatry 30, (1), S.186-190.

Jaspers, K. (1946/1965): Allgemeine Psychopathologie. Berlin: Springer Verlag.

Kindt, H. (1971): Vorstufen der Entwicklung zur Kinderpsychiatrie im 19. Jahrhundert. Zur Wertung von Herrmann Emminghaus und seiner „Psychischen Störungen des Kindesalters“ (1887). Freiburg im Breisgau: Schulz.

Kraepelin, E. (1883): Compendium der Psychiatrie. Leipzig: Abel.

Leibbrand, W. (1959): Emminghaus, Hermann. In: Neue Deutsche Biographie 4. Berlin: Duncker & Humblot, S. 485–486.

Maschka, J. (1881/82, Hg.): Handbuch der gerichtlichen Medizin. 4 Bde. Tübingen: Verlag der H. Laupp'schen Buchhandlung.

Pfister, H. (1904): Hermann Emminghaus †. In: Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie und psychisch-gerichtliche Medizin 61, (3), S. 455-458.

Reichert, B. (1989): Herrmann Emminghaus. Ein Pionier der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Leben, Werk und Wirkungsgeschichte. Wiesbaden: Reichert.

Rey, J. M., F. B. Assumpção, C. A. Bernad, F.C Çuhadaroğlu, B. Evans, D. Fung, G. Harper, L. Loidreau, Y. Ono, D. Pūras, H. Remschmidt, B. Robertson, O. A. Rusakoskaya, K. Schleimer (2015): History of child and adolescent psychiatry. In: J. M. Rey (Hg.): IACAPAP e-Textbook of Child and Adolescent Mental Health. Geneva: International Association for Child and Adolescent Psychiatry and Allied Professions. URL: http://iacapap.org/wp-content/uploads/J.10-History-Child-Psychiatry-2015.pdf [ abgerufen am 6. 9. 2016].

 

Jessica Thönnissen, Ansgar Fabri, Burkhart Brückner

 

Foto: anonym / Quelle: Wikimedia / gemeinfrei [public domain].

 

Zitierweise
Ansgar Fabri (2015): Emminghaus, Hermann.
In: Biographisches Archiv der Psychiatrie.
URL: www.biapsy.de/index.php/de/9-biographien-a-z/140-emminghaus-hermann
(Stand vom:19.12.2018)