Conti, Leonardo
Nachname:
Conti
Vorname:
Leonardo
Epoche:
20. Jahrhundert
Arbeitsgebiet:
Medizin
Geburtsort:
Lugano (CHE)
* 24.08.1900
† 06.10.1945
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Italienisch-schweizerischer Arzt und Reichsgesundheitsführer der NSDAP.

 

Leonardo Conti (1900-1945) wurde in Lugano geboren. Sein italienisch- schweizerischer Vater, Silvano Conti, arbeitete als Postdirektor und seine Mutter, Nanna Conti (geb. Pauli) (1881-1951), war Leiterin der Reichsfachschaft Deutscher Hebammen und beeinflusste später auch maßgeblich die Entwicklung des Hebammenwesens zwischen 1939 und 1945. Nanna Conti war während der Ehe häufig schwanger, sie hatte mehrere Fehlgeburten, vier Kinder starben (Peters 2018; Peters 2014, S. 45). Am 6. Mai 1899 brachte sie ihren ersten Sohn, Silvio Carlo Paolo Clemente (1899-1938), zur Welt, der 1935 zum Landrat in Prenzlau ernannt wurde. Darauf folgte ein Jahr später die Geburt von Leonardo Ambrogio Giorgio Giovanni Conti. 1902 trennten sich Leonardo Contis Eltern. Seine Mutter erhielt ein Jahr später das alleinige Sorgerecht und die schweizerische Staatsangehörigkeit für sich und ihre beiden Söhne samt der 1902 geborenen Schwester.

 

Schule und Medizinstudium

Leonardo Conti besuchte das Mommsen-Gymnasium und das Friedrich-Wilhelm-Gymnasium in Berlin (Leyh 2002, S. 6). 1918 legte er das Notabitur ab, um als Kriegsfreiwilliger in das Artillerie-Regiment in Kürstin einzutreten (Maibaum 2007, S. 241). 1925 studierte er in Berlin und Erlangen Medizin und war zusammen mit seinem Bruder Silvio in der völkischen Studentenbewegung aktiv. 1924 promovierte er zum Thema Über Weichteilplastik im Gesicht und ging dabei insbesondere auf die Behandlung von Kriegsverletzungen ein. 1925 erhielt er die Approbation als Arzt. Er konnte sich einen besonderen Ruf in der Betreuung von Verletzten in den NSDAP-Schlägertruppen aufbauen (Süß 2003, S. 46 f.). 1929 gründete er mit weiteren Ärzten das NS-Ärztebund (NSDÄB).

 

Leonardo Conti war nach dem 1. Weltkrieg von 1921 bis 1923 Mitglied der Organisation Consul und der Brigade Erhardt und sowie von 1919-1920 der Garde-Kavallerie-Schützen-Division. Alle Organisationen waren nationalistisch und terroristisch geprägte Vereinigungen. Die Organisation Consul und die Brigade Erhardt waren maßgeblich am Kapp-Lüttwitz-Putsch am 13. März 1920 beteiligt und in politische Morde verwickelt. Bereits während seines Studiums war Leonardo Conti bei der rechtsextremen Organisation Freicorps aktiv und trat 1927 der NSDAP bei (Leyh 2002, S. 21 f.).

 

1925 heiratete Conti Elfriede Freiin von Meerscheidt-Hullessem (1902-2002) mit der er zwischen 1926 und 1936 einen Sohn und zwei Töchter bekam. Diese Ehe führte für Leonardo Conti zum gesellschaftlichen Aufstieg (Powell 2008, S. 10 f.).

 

Berufliche Karriere

Ab 1930 war Conti Mitglied der SS und wurde 1933 vom Preußischen Innenministerium beauftragt, jüdische Ärzte aus dem preußischen Gesundheitswesen zu entfernen (Klee 2011, S. 96). Sechs Jahre später übernahm er das Amt des Stadtmedizinalrats, leitete das Berliner Hauptgesundheitsamt und die medizinische Versorgung bei den Olympischen Spielen (Hahn 2009, S. 167) und wurde 1937 Präsident der Fédération Internationale de Médecine du Sport (FIMS). Nach dem Tod des Reichsärzteführers Gerhard Wagner (1888-1939) wurde die Zuständigkeit der Gesundheitsführung von Hitler persönlich an Conti übertragen, der am 28. August 1939 zum Staatssekretär für Veterinärwesen, Gesundheitswesen und Volkspflege im Reichsministerium des Innern ernannt wurde. Zu seinen Aufgaben als Reichgesundheitsführer gehörte die Überwachung der staatlichen Gesundheitsverwaltung, der ärztlichen Standesorganisation und des gesundheitspolitischen Apparates der NSDAP (Süß 2003, S. 62). Unter ihm wurden die Gesundheitsämter und ihre Aufgabe der erbbiologischen Erfassung und Selektion der Bevölkerung erheblich ausgebaut.

 

Medizinverbrechen

Leonardo Conti gehörte zu den maßgeblichen Planern und damit Tätern der systematischen Ermordung von Patienten aus psychiatrischen Anstalten, nachdem er 1939 von Hitlers Begleitarzt Karl Brandt (1904-1948) mit der Durchführung der sog. „Aktion T 4“ beauftragt worden war. Im Januar 1940 soll er bei der ersten Tötung eines Patienten durch Gas in der Anstalt Brandenburg anwesend gewesen sein. Er war an Fleckfieberversuchen mit KZ-Häftlingen beteiligt und schlug die Vernichtung der Sinti und Roma vor. Während des II. Weltkriegs verlor er durch Führererlasse in Konkurrenz zu Karl Brandt erheblich an Einfluss und verzichtete am 16. August 1944 auf sein Amt. Gegen Kriegsende flüchtete er mit seiner Mutter und weiteren Familienmitgliedern nach Schleswig-Holstein. Dort trat er in die Geschäftsführende Reichsregierung unter Großadmiral Karl Dönitz in Flensburg ein (Schmuhl 2008; Leyh 2002, S. 167).

 

Nachdem Leonardo Conti am 19. Mai 1945 nach mehrfachen Vernehmungen in Nürnberg festgenommen wurde, erhängte er sich am 6. Oktober 1945 in seiner Zelle. Conti hinterließ seiner Familie einen Abschiedsbrief, in dem er eine Falschaussage als Motiv des Suizids angab und depressive „Todesideen mit Furcht und Visionen” beschrieb (Peters 2014, S. 83).

 

Literatur

Aly, G. (2013): Die Belasteten. „Euthanasie“ 1939-1945 – Eine Gesellschaftsgeschichte. Frankfurt am Main: Fischer.

Benedict, S., L. Shields (2014, Hg.): Nurses and Midwives in Nazi Germany. The "euthanasia programs”. New York: Routledge.

Conti, L. (1925): Über Weichteilplastik im Gesicht. Inauguraldissertation Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin, Medizinische Fakultät. Berlin.

Conti, L. (1933): Säuglings- und Kindersterblichkeit seit 1933. Berlin: Staude.

Conti, L. (1934): Rasse, Volk und Staat. Hamburg: Hanseatische Verlagsanstalt.

Conti, L., E. Baader, W. Schultze (1938): Der Gesundheitsdienst bei den XI. Olympischen Spielen in Berlin und den IV. Olympischen Winterspielen in Garmisch-Partenkirchen 1936. Berlin: Deutsche Ärzteschaft.

Conti, L. (1935): Grundzüge nationalsozialistischer Bevölkerungspolitik. Berlin: Der Reichsführer der Schutzstaffeln der NSDAP.

Conti, L. (1939): Volksgesundheit und Werbung. Reden des Reichsgesundheitsführers und Reichsärzteführers StaatsR. Dr. Conti, des Präsidenten des Reichsgesundheitsamtes Prof. Dr. Reiter sowie der Präsident des d. Werberates der deutschen Wirtschaft Prof. Dr. Hunke, gehalten auf der Kundgebung des Werberates der dt. Wirtschaft "Volksgesundheit u. Werbung" am 25. Mai 1939 in d. Univ. Berlin. Berlin: C. Heymann

Conti, L. (1939a): An die Eltern der Berliner Kinder. Berlin.

Conti, L. (1941): Volksgesundheit – Volksschicksal. Berlin, Wien: Reichsgesundheitsamt.

Conti, L. (1942): Gesundheitsführung. Volksschicksal. Rede. o. O: Hauptamt für Volksgesundheit der NSDAP.

Conti, L. (1944): Beiträge zur Kasuistik dyspeptischer und gastrointestinaler Störungen. Basel: Schwabe.

Conti, L. (1944a.): Gesundheitspflicht und Geschlechtskrankheit. Berlin, Wien: Reichsgesundheitsverlag.

Hahn, J., R. Schwoch (2009): Anpassung und Ausschaltung. Die Berliner Kassenärztliche Vereinigung im Nationalsozialismus. Berlin: Hentrich & Hentrich.

Henke, K. D., G. Staupe (2008): Tödliche Medizin im Nationalsozialismus. Von der Rassenhygiene zum Massenmord. Köln: Böhlau.

Conti, L. (1944b.): Stand der Volksgesundheit im 5. Kriegsjahr. Nach einer Rede des Reichsführers Dr. L. Conti vor den Regierungspräsidenten in Breslau. Berlin: Reichsgesundheitsverlag.

Eckart, W. U. (2012): Medizin in der NS-Diktatur - Ideologie, Praxis, Folgen. Köln: Böhlau.

Kater, M. H (1985): Doctor Leonardo Conti and His Nemesis: The Failure of Centralized Medicine in the Third Reich. In: Central European History 18, S. 299-325.

Klee, E. (2010): „Euthanasie“ im Dritten Reich. Die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“. Frankfurt am Main: Fischer.

Klee, E. (2011): Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag.

Leyh, E.-A. (2002): Gesundheitsführung, Volksschicksal, Wehrkraft. Leonardo Conti (1900-1945) und die Ideologisierung der Medizin unter der NS-Diktatur. Inauguraldissertation Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, Medizinische Fakultät. Heidelberg.

Maggi, F. (1999): Un medico ticinese alla corte di Hitler. Leonardo Conti (1900-1945). 2. Aufl. Locarno: Dadò.

Maibaum, T. (2007): Die Führerschule der deutschen Ärzteschaft Alt-Rehse. Universität Hamburg, Dissertation im FB Medizin.

Peters, A. (2008): Mutter und Sohn. Die Contis und ihre Nachkommen. In: V. Schubert-Lehnhardt (Hg.): „In meiner Familie war niemand Nazi! - oder etwa doch?“ Bd. 2. Protokollband der Fachtagung am 19. September 2008 in Bernburg, Gerbstedt 2009.

Peters, A. (2011): Nanna Conti – the Nazis' Reichshebammenführerin (1881-1951). In:

Women's History Magazine 65, S. 33-41.

Peters, A. (2014): Nanna Conti (1881-1951). Eine Biographie der Reichshebammenführerin. Medizinische Dissertation Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald.

Peters, A. (2018): Nanna Conti (1881-1951) - Eine Biographie der Reichshebammenführerin. Münster: Lit-Verlag.

Powell, I. (2008): Don't let them see you cry. Overcoming a Nazi childhood. Wilmington: Orange Frazer Press.

Schmuhl, H.-W. (2008): Die biopolitische Entwicklungsdiktatur des Nationalsozialismus und der „Reichsgesundheitsführer“ Leonardo Conti. In: K.-D. Henke: Tödliche Medizin im Nationalsozialismus. Köln: Böhlau, S. 101-117.

Schneider, F., P. Lutz (2014): erfasst, verfolgt, vernichtet. Kranke und behinderte Menschen im Nationalsozialismus. Berlin: Springer.

Siemen, H.-L. (2012): Psychiatrie im Nationalsozialismus. In: M. v. Cranach, H.-L. Siemen: Psychiatrie im Nationalsozialismus. Die Bayerischen Heil- und Pflegeanstalten zwischen 1933 und 1945. München: Oldenbourg.

Süß, W. (2003): Der „Volkskörper“ im Krieg. Gesundheitspolitik, Gesundheitsverhältnisse und Krankenmord im nationalsozialistischen Deutschland 1939-1945. München: De Gruyter.

Tschammer und Osten, Leonardo Conti (1935): Jugendpflege durch Leibesübungen. Körperliche Erziehung als biologische Aufgabe des Staates. Leipzig: Barth.

Wagner, G., L. Conti (1943): Reden und Aufrufe. Berlin: Reichsgesundheitsverlag.

 

Ansgar Fabri, Jessica Thönnissen

 

Foto: Bundesarchiv, Bild 183-1989-0309-501 / Quelle: Wikimedia / Lizenz: CC BY-SA 3.0

 

Zitierweise
Ansgar Fabri, Jessica Thönnissen (2017): Conti, Leonardo.
In: Biographisches Archiv der Psychiatrie.
URL: www.biapsy.de/index.php/de/9-biographien-a-z/132-conti-leonardo
(Stand vom:16.12.2018)